Aktuelles

Ankündigung der Tagung 2019

Die Freie Akademie lädt herzlich zu ihrer wissenschaftlichen Tagung zum Thema 

Ist „Europa“ noch zu retten? 

Europa in Gegenwart und Zukunft. 

vom 30. Mai bis 2. Juni 2019, in der Frankenakademie Schloss Schney ein.

Steht die Europäische Union noch für Frieden, Demokratie, Freiheit und Wohlstand? Vor der Europawahl im Mai 2019 tritt die EU in der allgemeinen Wahrnehmung fast nur im Krisenmodus auf. Dafür genügt es, die Schlagwörter „Brexit“, „Eurokrise“ und „Flüchtlingskrise“ in die Debatte zu werfen. Zentrifugale Kräfte wirken allerorten. Den europafreundlichen „Volksparteien“ kommen die Wähler abhanden. Als neue Unterart des Homo politicus tritt aggressiv der „Wutbürger“ auf. Offensichtlich lässt sich die europäische Einigung nicht qua EU-Gesetzgebung herstellen. Die ungarische Regierung greift die Unabhängigkeit der Justiz und die Pressefreiheit an, während die polnische Regierung eine „Re-Christianisierung“ Europas als spezifische europäische Lösung des Migrationsproblems fordert. Zum Beispiel sowohl in Budapest als auch in Warschau bezweifeln die herrschenden Eliten öffentlichkeitswirksam, dass Brüssel legitimiert ist, ihre Politik zu kritisieren. 

Die Finanz- und Wirtschaftskrise von 2007 ist nicht gelöst, sondern schwelt weiter. Vieles deutet darauf hin, dass die nächste Erschütterung vor der Tür steht. Beendet ist auch nicht die Diskussion über die nationale Beschränktheit der deutschen Antikrisenpolitik, die sich während der Krise von 2007 gegen eine gemeinsame europäische Bankenrettung gestemmt hatte. Hat die deutsche Regierung mit ihrem Verhalten die Risse im Fundament des europäischen Vereinigungsprozesses vergrößert? Die Symptome der EU-Krise sind vielfältig und schnell benannt – aber wofür stehen sie? Ist der Europäische Gedanke weiterhin tragfähig; welche Werte trägt die EU? Ist eine Erweiterung der EU in Richtung Westbalkan angesichts der europäischen Krise ratsam? Diese Fragen öffnen den Blick für die komplizierte Geschichte Europas und verweisen darauf, dass bedeutende Territorien unseres Kontinents jahrhundertelang nicht nach Wien, Paris oder London ausgerichtet waren, sondern nach Konstantinopel. Und wenn angesichts der Krise der EU über die Geschichte Europas von den „Rändern“ her nachgedacht wird, muss auch Russland und sein Comeback als Großmacht in den Fokus der Betrachtung eingeschlossen werden. Dann stellt sich heraus, dass die alten Fragen nach dem Verhältnis von Russland zu Europa und von Europa zu Russland neu diskutiert werden müssen. 

Die europäische Politik verschränkt sich mit dem gegenwärtigen Umbruch der Weltordnung und mit den Globalisierungsprozessen. Der „atlantische Block“, wie er sich nach dem Zweiten Weltkrieg unter Führung der USA herausgebildet hatte, ist zerbrochen. Trump will mit seiner US-amerikanischen Administration den atlantischen Konsens durch eine Vielzahl von ihm diktierter Deals ersetzen. Die Frage nach den Beziehungen der EU zu China, zu einem Land also, in dem sich eine stürmisch wachsende kapitalistische Marktwirtschaft mit dem Gewaltmonopol seiner Kommunistischen Partei verbindet, weist auf mehrfach widersprüchliche Konstellationen. Einerseits fürchtet man in Europa China als Konkurrenten und will es kleinhalten. Andererseits bietet den europäischen Unternehmen der enorm große chinesische Markt auch große Gewinnchancen. Jede Investition in China aber trägt dort zur weiteren ökonomischen Entwicklung bei. 

Rechte und populistische Kulturkämpfer, liberale Reformer und kritische, linke Europäer haben verschiedene Szenarien zur Krisenbewältigung entwickelt. Welche sind das? Verfügt die gegenwärtige Union überhaupt über einen ethischen Wertekonsens des kulturellen Zusammenhalts, die demokratischen Strukturen, die wirtschaftlichen und sozialen Ressourcen und das rechtsstaatliche Instrumentarium, um ihre komplexe und tiefgehende Krise zu lösen? Wir wollen die Krise und die Chancen der Europäischen Union, ihre Ursachen, Hintergründe und Folgen sowie die Frage nach der Problemlösungsfähigkeit der EU erörtern.

Lassen Sie uns im Interesse der Aufklärung und des Humanismus gemeinsam auf eine Reise in unsere Gegenwart und Zukunft gehen, lassen Sie uns interdisziplinär unsere Daseinsfragen diskutieren und gemeinsam klüger werden. Alle Interessenten sind herzlich eingeladen!

Anfragen können gern gerichtet werden an die: 

Freie Akademie, Holbeinstr. 61, 14612 Falkensee.  

Dr. Volker Mueller                                                    Dr. Gunter Willing

Präsident der Freien Akademie                                 Wissenschaftlicher Tagungsleiter


Mitgliederversammlung der Freien Akademie tagte

Die bisherigen und künftigen Aufgaben der konfessionell unabhängigen Bildungsinstitution Freien Akademie e.V. wurden auf der Mitgliederversammlung am 10. Mai 2018 beraten. Die wissenschaftlichen Tagungen, die Herausgabe der Schriftenreihe der Freien Akademie, eigene Arbeiten zur Vor- und Frühgeschichte der Freien Akademie, eine gute Öffentlichkeitsarbeit und eine zielführende Zusammenarbeit mit anderen Institutionen standen und stehen im Vordergrund. Die Freie Akademie wird ihre erfolgreiche wissenschaftliche und vor allem interdisziplinär angelegte Arbeit für alle Interessenten weiterführen. Gute und interessante Angebote werden weiterhin unterbreitet.

Die weitere Finanzierung der Arbeit der Freien Akademie wurde ebenfalls offen erörtert. Dabei wurden Weichen für einen nachhaltigen Einsatz unserer vorhandenen Ressourcen gestellt. Wichtig sind dabei auch, neue Mitglieder zu gewinnen und mit anderen Institutionen zu kooperieren.

Das Präsidium wurde planmäßig gewählt: Als Präsident der Freien Akademie wurde Dr. Volker Mueller (Falkensee) wiedergewählt. Weiterhin wurden gewählt: als Vizepräsidenten Dr. Dieter Fauth (Würzburg) und Christian Michelsen (Falkensee) und als weiteres Präsidiumsmitglied Winfried Zöllner (Berlin).

Mit großem Dank für ihr enormes Engagement für die Freie Akademie wurden Dr. Martin Scheele (Brieselang) und Tina Bär (Berlin) aus dem Präsidium verabschiedet. Sie kandidierten nicht wieder.


Nachruf für Franz M. Wuketits

Die Freie Akademie und viele Freundinnen und Freunde und Wissenschaftskolleginnen und –kollegen haben einen großartigen Mitstreiter für Wissenschaft und freie Forschung verloren. Prof. Dr. Franz M. Wuketits ist am 6. Juni 2018, in Wien verstorben. Als Mitglied der Freien Akademie und langjähriges Mitglied ihres Wissenschaftlichen Beirates hat er Spuren in der Entwicklung der Freien Akademie hinterlassen. Mit präzisem Verstand, wissenschaftlicher Redlichkeit, hohem fachlichen Engagement und weitreichenden Fachkenntnissen hat er durch seine interdisziplinären Ideen und durch seine Vorträge auf unseren wissenschaftlichen Tagungen, die er auch mehrfach geleitet hatte, unsere freiakademische Arbeit wesentlich mitgestaltet. Vor allem in den Biowissenschaften, der Entwicklungstheorie, der Ethik und der Philosophie hat er Bleibendes beigetragen.

Franz M. Wuketits, Jahrgang 1955, studierte von 1973 bis 1978 Zoologie, Paläontologie, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte an der Universität Wien. Nach seiner Protomotion (1978) erhielt er im Jahr 1980 dort die Lehrbefugnis. Er lehrte und forschte am Institut für Philosophie der Universität Wien mit dem Schwerpunkt: Philosophie der Biowissenschaften und erhielt Lehraufträge und Gastprofessuren an mehreren anderen Universitäten (Universität Graz 1987 – 2004, Technische Universität Wien 1998 – 2003, Universität der Balearen in Palma de Mallorca 2006/ 2008/ 2009/ 2010).

Seit 2002 war Franz Wuketits Vorstandsmitglied des Konrad-Lorenz-Instituts für Evolutions- und Kognitionsforschung in Altenberg an der Donau. Er war in mehreren wissenschaftlichen Beiräten - wie dem der Giordano-Bruno-Stiftung und dem der Wiener Bibliotheksinitiativen - sowie in Beiräten wissenschaftlicher Zeitschriften tätig. Er war ordentliches Mitglied der naturwissenschaftlichen Klasse der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste.

Er hat über 40 Bücher und etwa 500 Publikationen vorgelegt. Er war Herausgeber und Mitherausgeber von ca. 20 Sammelbänden.

Als freier und anregender Denker und kreativer Humanist bleibt uns Franz Wuketits in lebendiger Erinnerung. Seine bemerkenswerte Art, das Wesentliche zu erkunden und von verschiedenen Sichtweisen zu erörtern, und seine wohlwollende Kollegialität haben wir sehr geschätzt. Noch auf unserer letzten FA-Tagung im Mai 2018 hätten wir gern seinen Vortrag zur Evolution des menschlichen Gehirns, wie mit ihm vorbesprochen, gehört und diskutiert. Leider kam es nicht mehr dazu.

Unser Mitgefühl gilt seiner Ehefrau und seiner Familie.

Wir werden ihn vermissen und sein Andenken und wissenschaftliches Erbe in Ehren halten.

Dr. Volker Mueller

Präsident der Freien Akademie


 

Wissenschaftliche Tagung der Freien Akademie über Das menschliche Gehirn auf der Frankenakademie Schloss Schney in Lichtenfels vom 10.-13.05.2018

Dr. Volker Mueller und Tina Bär gestalteten gemeinsam die Einführung in die Tagung, indem sie interessante Themenaspekte zur Sprache brachten sowie die 30 Tagungsteilnehmer miteinander ins Gespräch brachten. Zunächst blickte Mueller kurz auf die Evolution des menschlichen Gehirns und berichtete, dass das Gehirn des Menschen in den letzten 1 Mio. Jahren relativ zum Körpergewicht mehr als bei jeder anderen Gattung gewachsen sei. Heute sei das Gehirn beim Menschen relativ zum Körpergewicht gesehen so schwer wie bei keinem anderen Lebewesen. Werkzeug- und Waffenherstellung seien für die Ausbildung der technischen Intelligenz wichtig gewesen. Aber die eigentliche Triebkraft für die Entwicklung des menschlichen Gehirns seien soziale Herausforderungen gewesen. Schimpansen z.B. können ca. 55 Mitglieder in Gruppen überblicken, der Mensch Gruppen von ca. 200 Mitgliedern. Das entspricht der Größe von frühgeschichtlichen Jagdgruppen. Komplexere Formen der Informationsverarbeitung werden von den jüngsten Regionen des menschlichen Gehrins bewältigt, der erweiterten Hirnrinde. In der Hirnforschung gibt es viele Fragen, die auch nach großen Anstrengungen der Fachwelt ohne gesicherte Antwort bleiben. Unter der Moderation von Tina Bär sprach anschließend jeder Teilnehmer kurz über eines seiner Interessen am Tagungsthema. Hier kam rein Neurologisches zur Sprache, die Wechselwirkung von Psychosozialem und Neurologischem; Religionen bzw. Philosophie und Ethik aus neurologischer Sicht, z.B. das Verhältnis von Materiellem zu Nichtmateriellem, also z.B. Biochemische zu geistigen Prozessen, aber auch die Frage nach dem freien Willen und der menschlichen Verantwortung. Interesse fand auch das Verhältnis von künstlicher zu menschlicher Intelligenz. Bei einem anschließenden Quiz gab es überraschende Einsichten: z.B. werden im Gehirn pro Sekunde 1 Mio. Verknüpfungen hergestellt. Weiterhin war interessant, dass die lebenserhaltenden Funktionen beim Menschen vom ältesten Teil des Gehirns, dem Hirnstamm gesteuert werden, der im Inneren des Gehirns sitzt. Diese existentiellen Funktionen sind Herzschlag, Atmung, Wärme-, Wasser- und Energieverbrauch des menschlichen Körpers. Die elektrischen Reize, die für den Austausch zwischen den Neuronen sorgen, haben die Geschwindigkeit eines Rennautos mit 360 km/h.

Dr. Katrin Preckel, Leipzig arbeitet am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaftssprache im Bereich soziale Neurowissenschaft und sprach über das „soziale“ Gehirn. Ihre Erkenntnisse bezog sie aus dem Vergleich von Hirnbetrachtungen bei neurologisch unauffälligen und bei Menschen mit Autismus. Dieser Vergleich macht deutlich, dass soziale Kompetenzen im Gehirn neurologisch und anatomisch Ausdruck finden. Im Gehirn gibt es eine sozial-affektive Domäne, die z.B. für Empathie wichtig ist, sowie eine sozial-kognitive Domäne, bedeutsam z.B. für die Einnahme eines Perspektivenwechsels. Dies kann mithilfe von Experimenten belegt und beobachtet werden. So können einem Proband ein Foto von einem schmerzhaften und ein ähnliches Foto von einem nicht schmerzhaften Vorgang gezeigt und jeweils die Hirnströme gemessen werden. Damit wird der Sitz im Gehirn für die Fähigkeit zur Empathie sichtbar. Auch können die Hirnströme eines Probanden mit einer Aufgabe gemessen werden, die er nur lösen kann, wenn er sich in die Lage eines Anderen versetzt. Weiterhin gibt es neurologisch aufschlussreiche Experimente mit Aufgaben aus dem Bereich der sozialen Zusammenarbeit. So stellt eine Schauspielerin eine Person dar, die verzweifelt ist, weil ihre krebskranke Schwester weitere Medikamente ablehnt. Danach haben die Probanden mehrere Möglichkeiten zur Auswahl, was die Schauspielerin über die Schwester wohl denkt. Solche Experimente mit zwei Probandengruppen im Vergleich zeigen nicht nur etwas über das soziale Gehirn, sondern auch über autistische Personen. Demnach ist Autismus ein neuronaler Defekt (mit genetischem Ursprung) mit Defiziten in der sozialen Kommunikation und Interaktion. Die Gabe des Hormons Oxytocin verbessert die neuronale Aktivität in den relevanten Hirndomänen. Die Wirkung der Medikamentengabe wird wiederum experimentell kontrolliert. Z.B. erhält der autistische Proband eine soziale oder eine monetäre Belohnung und es wird geschaut, ob nach Gabe des Hormons die Wertschätzung der sozialen Belohnung zunimmt. Da das Gehirn ein sehr plastisches Gebilde ist, d.h. sehr flexibel Defizite durch neue Verknüpfungen kompensieren kann, können auch anatomische Hirnabweichungen, wie sie bei Autisten beobachtet werden, „repariert“ werden. Außerdem kann während der Wirkung des genannten Hormons ein Sozialtraining durchgeführt werden, dessen Lerneffekt auch über die Hormonwirkung hinaus anhält.

Prof. Dr. Boris Kotchoubey von der Universität Tübingen befasste sich mit Bewusstseinsprozesse aus neurobiologischer Sicht. Sein Vortrag konzentrierte sich auf den Zusammenhang von Gehirn, Bewusstsein und Verhalten. Das Gehirn ist die steuernde, oberste Instanz. Gewiss haben Bewusstseinsprozesse immer neuronale Korrelate. Aber für das Bewusstsein ist das Gehirn nur notwendig und keinesfalls hinreichend. Im Gehirn befinden sich nur Mechanismen, aber keine Gedanken, Empfindungen und Gefühle als Phänomene des Bewusstseins. Auch arbeitet das Gehirn parallel in tausenden Vernetzungen, das Bewusstsein aber arbeitet seriell, das heißt, bearbeitet seine Prozesse nacheinander. Die Vorgänge des Bewusstseins gehen auch von einem Zentrum aus, von einer Ich-Perspektive, und grenzen von sich die Objekte draußen ab. Das Gehirn arbeitet aber ohne eine solche Zentrierung. Insofern steht das Bewusstsein dem Verhalten näher als dem Gehirn, denn auch das Verhalten geht von einer Ich-Zentrierung und von der Unterscheidung von Subjekt und Objekten aus. Freilich ist Bewusstsein auch nicht Verhalten, denn Bewusstsein ist immateriell und innerlich, Verhalten aber gegenständlich und äußerlich. Das Bewusstsein ist allenfalls ein spezielles Verhalten in einer virtuellen, modellhaften Welt. Zwischen Gehirn und Verhalten wiederum gibt es größere Nähen als zwischen Gehirn und Bewusstsein, denn das Gehirn steuert das Verhalten. – Wie aber entsteht aus Materie (Gehirn) Geistiges (Bewusstsein)? Hier kann der Vergleich mit dem Geld helfen: So wie das Geld völlig materiell ist, hat auch das Bewusstsein immer ein materielles Korrelat in bestimmten Hirnaktivitäten. Doch so wie das Geld erst durch den Umlauf als solches entsteht, so entsteht auch das Bewusstsein erst in der Auseinandersetzung und Interaktion mit der Umwelt.

Helmut Fink, Nürnberg, widmete sich dem Thema Willensfreiheit im Zeitalter der Neurowissenschaften. Ist der Mensch frei, eine Entscheidung bzw. einen Willen zu bilden oder ist er darin neurologisch festgelegt? Bei dieser Frage geht es um das Menschenbild bzw. Selbstbild sowie um die Deutungsmacht über das Menschenbild. Gebührt diese Macht den Naturwissenschaften oder den Geisteswissenschaften bzw. der Neurowissenschaft oder der Philosophie bzw. der Empirie oder der Spekulation? Ein bestimmtes Experiment der Neurowissenschaft hat die jahrhundertealte Debatte um die Willensfreiheit (Erasmus vs. Luther /[16. Jh.] / Descartes vs. Comenius [17. Jh.]) neu entfacht: ein Proband soll sich entscheiden, eine Taste zu drücken oder nicht zu drücken und den Zeitpunkt, wann seine Entscheidung gefallen ist, mittels einer Uhr festzuhalten. Die Entscheidung fiel 200 Millisec. vor der Tat, aber 500 Millisec. vor der Tat kam es zur einschlägigen neuronalen Aktivität. Also verursacht die neuronale Konstellation die Willensbildung und wir meinen lediglich, der Wille sei frei. Freilich gibt es Einwände gegen diesen Versuch und gegen diese Interpretation des Versuchs: Ungeklärt bleibt, wie es denn zu der jeweiligen neuronalen Konstellation kommt. Weiterhin könnte es ja sein, dass eine Entscheidung langsam heranreift, bevor sie bewusst wird. Und dieses Heranreifen hat ja bereits eine neuronale Basis. Trotz der Bedenken gibt es Neurowissenschaftler, die behaupten, Verschaltungen würden uns festlegen und wir sollten aufhören, vom freien Willen zu sprechen (Singer). Nun hat eine andere Versuchsanordnung diese Position relativiert: ein Proband soll gegen einen Computer ein Wettspiel machen. Wenn der Proband einen Knopf bei grün drückt, erhält er einen Punkt, drückt er bei rot, erhält der Computer einen Punkt. Gleichzeitig wird der Computer darauf programmiert, sofort auf rot zu schalten, wenn im Gehirn des Probanden sich die neuronale Konstellation zur Entscheidung einstellt, zu drücken. Tatsächlich kam es vor, dass es dem Probanden gelang, wegen eines Umschaltens auf rot den Knopf doch nicht zu drücken. Das heißt, es gibt doch einen Spielraum zu einer Willensentscheidung gegen eine andere neuronale Konstellation. Der Referent schlug als Lösung vor, sich nur vom Begriff der absoluten, unbedingten Willensfreiheit zu verabschieden; einer Vorstellung, die lebenspraktisch sowieso ohne Relevanz ist. Vielmehr gibt es einen Willensprozess des Abwägens. Willen bildet sich aufgrund von Gründen. Durch diesen Prozess des Durchdenkens habe ich die neuronale Konstellation individuell mir angeeignet (oder verworfen?).

Prof. Dr. Silvia Kober, Neuropsychologin an Institut für Psychologie der Univ. Graz, sprach über den Einsatz von Neurofeedback zum Training verschiedenster Hirnleistungen in unterschiedlichen Bereichen. Voraussetzung dafür ist es, dass die Probanden lernen, die eigene Hirntätigkeit zu kontrollieren. Dazu bekommt der Proband eine bestimmte Aufgabe, z.B: entspannt und fokussiert zugleich zu sein. Der Neurologe weiß, wie für diesen Zustand die Hirntätigkeit aussieht, misst per EEG die Hirntätigkeit beim Proband und gibt dem Probanden per Bildschirmdarstellung ein Feedback, ob es ihm gelungen ist. Gelungen ist es z.B. dann, wenn auf dem Bildschirm ein mittlerer Balken hoch ist und zugleich zwei äußere Balken klein. Es handelt sich hier um eine Form von Bio-Feedback. Z.B. kann der Mensch ja Einfluss nehmen auf seine Atmung oder seinen Herzschlag. Aber Hirnströme kann der Mensch nicht spüren, so dass es dieser Visualisierung braucht, wenn der Proband auch hier Einfluss nehmen will. Wie ihm das erfolgreich gelingt, muss er durch Versuch und Irrtum selbst herausfinden. Zum Beispiel kann die Aktivierung des sensomotorischen Rhythmus (SMR) der Hirnströme Epilepsieanfälle verhindern bzw. verringern. Diese SMR-Frequenz wird aktiviert, wenn der Proband es schafft, völlig entspannt und zugleich maximal fokussiert zu sein (wie die Katze vor dem Mausloch). Tatsächlich kann man durch Neurofeedback lernen und dann trainieren, den SMR zu erhöhen. Weitere Anwendungen dieses Trainings sind in den Bereichen Angststörung, Depression, Schlafstörungen, Migräne, Tourette-Syndrom, etc. mehr oder weniger möglich. Auch bei ADHS kann ein solches Training helfen. Es gilt, die Delta-Wellen im EEG, die normalerweise kurz vor dem Einschlafen verstärkt auftreten, zu minimieren. Mit dem Aufputschmittel Ritalin kommen diese Patienten auf ein normales Aktivierungslevel; aber es geht auch mit Neurofeedback-Training. Der Einsatz dieses Trainings ist nicht nur im mentalen Bereich, sondern auch zur Förderung von kognitiven Funktionen möglich. Dies ist besonders bei Schlaganfallpatienten (Gedächtnis, Wortschatz, ...), evtl. auch bei Schädel-Hirn-Trauma oder Demenz möglich. Auch bei Multiple Sklerose (MS) ist dieses Training möglich. Bei MS greift das eigene Immunsystem Nerven im Gehirn an. Je nachdem wo, wird der muskuläre Apparat beeinträchtigt, oft aber auch kognitive Bereiche wie Gedächtnis oder Aufmerksamkeit. Auch motorische Funktionen können über Neurofeedback trainiert werden. Denn auch wenn ich mir eine Bewegung nur vorstelle, löst dies dieselbe Hirntätigkeit aus wie wenn ich die Bewegung ausführe. So kann durch Vorstellen der Bewegung die reale Bewegung angeregt werden. Unterstützt werden kann das Training, indem zur Vorstellung die assistierte Bewegung durch den Therapeuten oder einen Roboter kommt. Eine Anwendung in diesem Bereich sind z.B. Schkuckstörungen. Die Trainierbarkeit gilt aber auch für Gesunde, z.B. im Sport hinsichtlich kognitive Fähigkeiten für Schach, Golf, Dart. Z.B. können die Hirnströme bei einem Golfer gemessen werden, wenn er erfolgreich einlocht und wenn nicht.

Renate Bauer, praktische Psychologin, referierte über ethische Fragen der Gehirnforschung. Hierbei sind drei Perspektiven bedeutsam. Was kann die Hirnforschung für die Ethik beitragen? Welche ethischen Maximen könnten die Hirnforscher bei ihrer Arbeit leiten? Und welche Ethik könnte uns Nutzer bei der Anwendung der Hirnforschung leiten? Wie die Vorträge von K. Preckel und S. Kober bereits zeigten, kann der Mensch auf neurologischem Weg Fähigkeiten erlernen oder stärken, die für die Ethik bedeutsam sind, z.B. die Balance von Kognitivem und Emotionalem, Empathie, den Perspektivenwechsel, etc. Eingriffe der Hirnforschung müssen allerdings im Rahmen der allgemein gültigen Würde, des Selbstbestimmungsrecht und der Unantastbarkeit der Authentizität des Menschen, der Chancengleichheit für alle, der Freiwilligkeit, etc. geschehen. Hier gibt es sowohl bei physischen Eingriffen ins Gehirn mit Mikrochips oder Elektroden für Strom zum Zweck der Hirnstimulation Gefahren als auch bei nicht invasiven Manipulationen des Gehirns durch Stoffe (Koffein, Nikotin, Alkohol, Stimuli wie Ritalin, ...). Zum Beispiel liegen Fragen nach der Gerechtigkeit bzw. Chancengleichheit beim Einsatz von Neuroprothesen (Prothesen, die über das Nervensystem mit dem Gehirn verbunden sind) nahe, da dies sehr teuer und damit nicht allgemein anwendbar ist. Psychische Auffälligkeiten, Verhaltensdispositionen könnten z.B. durch stimulierende Stoffe neurologisch vor allem deshalb manipuliert werden, weil sie gesellschaftlich unerwünscht erscheinen. Es sollte doch bei der Gabe von Stoffen stets das Recht des Menschen auf Authentizität beachtet bleiben und ein Stoff nur so dosiert verabreicht werden, dass für den Klienten die Chance bleibt, die mit dem Stoff verbundene Veränderung als selbst gewollte Veränderung anzueignen. Der Mensch könnte auf neurologischem Weg der stressigen Arbeitswelt angepasst werden, statt die Arbeitswelt den natürlichen Bedürfnissen des Menschen. Die Überwindung der biologischen Grenzen (Transhumanismus) mittels der Neurologie birgt ethische Problematiken. Weiterhin könnte seelischer Schmerz nur entsprechend der gesellschaftlich verbreiteten Haltung, Leiden zu meiden, neurologisch unterdrückt und damit die mit diesem Schmerz verbundenen notwendigen Aufarbeitungsprozesse, z.B. Trauerarbeit, verhindert werden. Da gedankliche Inhalte bestimmten Gehirnaktivitäten (bedingt) zugeordnet werden können, können Denken, Absichten, Emotionen (bedingt) identifiziert werden. Das mag erfolgreich bei der Kommunikation mit komplett Gelähmten angewendet werden, ist aber sonst ethisch problematisch. Nicht von ungefähr sind Lügendetektoren im Rechtssystem in Deutschland im Namen der kognitiven Freiheit und des Schutzes auf Privatheit sowie der Selbstbestimmung über persönliche Daten verboten. Bei all den angedeuteten, mit der Neurologie verbundenen ethischen Problemen ist auch zu bedenken, welches Handeln der Einzelne entscheiden darf und wann es einer allgemeinen Regelung bedarf.

Christian Michelsen, Studienrat für Philosophie, Latein und Griechisch, sprach über das Buch L’homme machine (1747) mit – so seine These – Gründungscharakter für die moderne Neurologie. Dieses Buch von Julien Offray de La Mettrie (1709-1751) war für Aufklärer schwer tolerierbar, da radikal materialistisch. Sein Verfasser musste sogar aus den Niederlanden weichen, das sonst für die Freizügigkeit beim Buchdruck besonders bekannt war. La Mettrie war Agnostiker und Skeptiker. Er ergriff – z.B. in der Frage, ob es ein höchstes Wesen gebe – keine Partei und fand in dieser Urteilsenthaltung Seelenruhe und Glück. In einem war er allerdings entschieden: dass es außer Materie nichts gibt. Er widersprach Descartes, der von einer denkenden Substanz ausging. Als Empiriker ließ La Mettrie nur gelten, was der Erfahrung und Beobachtung zugänglich ist. Res cogitans ist für ihn ein Hirngespinst, die immaterielle Seele ein leerer Begriff. Der Mensch ist nur eine Maschine, zusammengesetzt aus Triebfedern. Aber: der Mensch ist eine „erleuchtete Maschine“. Die Seele ist eine Haupttriebfeder, ein Bewegungsmotor, des ganzen Mechanismus Mensch. Sie ist die „Einbildungskraft“ und als solche das Zentrum des Gehirns. Alle mentalen Ereignisse sind, vom Gehirn(zentrum) erzeugt, physisch. Zustände der Seele treten nur auf, wenn parallel körperliche Zustände einhergehen. Die Nähe von La Mettrie zur Neurologie besteht in den Thesen (1.) Es gibt nur eine Substanz, die Materie, also res extensa, (2.) von der zentralen Steuerung des Menschen durch sein Gehirn und darin, dass (3.) Seele als „Imagination“ / „Einbildungskraft“ zentraler Teil des (materiellen) Gehirns sei (Weitere Eigenschaften der Seele sind Wahrnehmung, Empfindung und Denken). Alle mentalen Ereignisse sind (!) demnach physische Ereignisse (Monismus: Identität von Körper und Seele). Der Seelenzustand steht immer in einem Zusammenhang zum Körper. (4.) Denken ist eine Eigenschaft von Materie wie Elektrizität, Bewegungsvermögen, Ausdehnung, etc.

Eine von verschiedenen Arbeitsgruppen befasste sich im lockeren Anschluss an den Vortrag von Prof. Kotchoubey mit dem Bewusstsein. Zunächst setzte man der statischen Vorstellung von Materie als Substanz die Vorstellung von Materie als Organisationsprinzip (Atome, Moleküle, Zellen, ...) entgegen. Damit ist der Begriff Materie flexibilisiert hin zu einem Funktionsbegriff. Für das Bewusstsein sind Gehirn, Nervensystem, Rückenmark die materielle Grundlage. Evtl. hat das Bewusstsein aber nicht nur eine elektrische, sondern auch bio-chemische (materielle) Grundlage. Denn auch bio-chemisch bedingte Zustände und Prozesse in meinem Körper sind eine Grundlage für die Bewusstseinsbildung des ja ganzheitlichen Menschen. Strittig blieb, ob Bewusstsein selbst Materie ist oder auf Materiellem aufruhendes Immaterielles. Möglicherweise ist das Bewusstsein eine Eigenschaft der Materie, so wie Härte oder Masse Eigenschaften eines Steines sind. Dann wäre Bewusstsein selbst Materie und alles wäre Materie. Denn auch Energie, Magnetismus, Gravitation sind Materie und als solche messbar. Möglicherweise können auch Bewusstseinsvorgänge einmal gemessen werden und uns fehlen heute nur noch die Instrumente dazu. Möglicherweise ist das Bewusstsein aber auch etwas Immaterielles, das aber auf alle Fälle auf Materiellem basiert, so wie es Prof. Kotchoubey vergleichend mit dem Geld vorstellte. Weiterhin kreiste die Diskussion um die Frage, wodurch Bewusstsein in Erscheinung tritt. Hier gab es die Meinung, Bewusstsein sei die Erkenntnis, dass ich verschiedene Handlungsmöglichkeiten zur Entscheidung habe. Evtl. beginnt Bewusstsein aber viel niederschwelliger, z.B. als Körperempfinden bzw. als Erleben, dass ich denke. Teil unseres – wie immer qualifizierten – Bewusstseins ist das Denkvermögen. Dies ist geprägt von Kultur, Bildung, Traditionen, etc. Das Bewusstsein ist also alles andere als eine tabula rasa. Weiterhin wurde noch die Frage nach dem Sitz des Bewusstseins aufgeworfen. Das Gehirn ist das Steuerzentrum. Aber der ganze Mensch ist ein Feedback für das Bewusstsein und bewusstseinsbildend. Schließlich wurde bemerkt, dass sich aus dem Bewusst-Sein nie eindeutig das Sollen ableiten lässt. Die Urteilskraft ist nicht nur im Bereich des Bewusst-Seins, sondern im Bereich des Sollens, womit man bei der Ethik angekommen ist.

An einem Abend sah die Tagungsgemeinschaft den Film von Petra Seeger über den Hirnforscher Eric Kandel (Auf der Suche nach dem Gedächtnis). Als Wiener Jude wurde ihm das Mantra der Holocaust-Überlebenden „Niemals vergessen“ zur Verpflichtung und im Jahr 2010 erhielt er für seine Forschungen zum Gedächtnis den Medizinnobelpreis. Der Film zeigt sein Leben im Nationalsozialismus, seine Erinnerung daran und was die Verbindung dieser Bereiche uns über das Gedächtnis lehrt – eine wunderbare Verknüpfung von Leben und Lehre.

Dr. Manfred Wimmer, Biologe und Philosoph am Department für Evolutionäre Anthropologie der Univ. Wien sprach über das Gehirn und die Emotionen. Bereits zu den Emotionen gibt es verschiedene Erklärungen, z.B. das Komponentenmodell. Demnach haben Emotionen eine physiologische (körperliche), eine expressive (mimische), eine subjektive (erlebnisorientierte) und eine kognitive (vernünftige) Komponente. Dies könnte freilich ergänzt werden, z.B. um eine sprachliche Komponente, denn wir erleben eine Emotion anders, wenn wir sie mehr oder weniger differenziert versprachlichen können. Bei der Sicht auf das Gehirn wird im Folgenden vom triune brain (dreigeschichteten Gehirn) ausgegangen: Schicht 1 wird als Reptiliengehirn bezeichnet, ist im Gehirn ganz innen, das Stammhirn sowie verlängerte Rückenmark und eben im Erdzeitalter der Reptilien gebildet; Schicht 2, das alte Säugetiergehirn, ist das limbische System, Zwischen- und Kleinhirn, entstanden vor ca. 6 Mio. Jahre; Schicht 3 betrifft u.a. Großhirn, Neocortex, bes. den Frontallappen. Schicht 1 zuzuordnen ist z.B. die Schreckreaktion, wenn wir plötzlich einer Schlange gegenüberstehen. Schicht 1 ist Schrittmacher für darüber liegende Schichten und reguliert die Grundhaltung, vom Koma bis zum klaren Wachzustand. Hier geht es um die Regulierung der grundlegenden physiologischen Milieus, z.B. dem bio-chemischen, hormonellen Haushalt. Von der Außenwelt wird hier direkt nichts wahrgenommen, sondern nur über die Veränderung im tiefen Inneren. Schicht 2 ist, philosophisch gesagt, der Sitz der „Stimmung“; nicht kognitiv durchdrungener emotionaler Zustände, unsere grundlegende Seinsverfassung: Angst, Panik, Wut, Neugier, Trauer, Furcht, Glück, ... Allerdings können diese basalen Emotionen nicht verortet werden, da eher neuronale Netzwerke und Substrate bedeutsam sind. Über den Hypothalamus, das vegetative, autonome Nervensystem, wird der Aktivitätsgrad bestimmt, in dem wir uns emotional befinden. Es arbeitet antagonistisch, d.h. es arbeitet mit zwei entgegengesetzten Zuständen. Der Sympathikus steht für Angriff, Kampf, ..., der Parasympathikus für Ruhe, Entspannung, ... Ein Gleichgewicht ist angestrebt. Die in Schicht 2 verhandelten Emotionen haben vielerlei Funktionen. Z.B. bieten sie einen internen Zustandsbericht, bewerten die Wahrnehmungen, bauen Motivation auf und energetisieren denM Menschen, stützen das Gedächtnis (was [in Schicht 3] emotional belegt abgespeichert wird, wird besser erinnert), dienen der Verhaltensflexibilisierung, stärken das Soziale (Affekte halten Individuen als Gruppe basal zusammen), etc. In Schicht 2 gibt es im limbischen System auch spezifische Areale, z.B. den Mandelkern (Amygdala). Er ist zuständig für Angst bzw. Aggression, z.B. für das Erkennen eines wütenden Gesichtsausdrucks als solchen. Bei posttraumatischen Belastungsstörungen „feuert“ der Mandelkern sehr niederschwellig. Der Mandelkern alarmiert den Hypothalamus in der 3. Schicht. Schicht 3, z.B. der frontale Cortex, Neocortex, ist das jüngste Kind der Evolution. Beim Einzelnen ist die Cortexbildung erst mit 20 / 25 Jahren abgeschlossen und zwar auf recht individuelle Weise. Diese Schicht ist wichtig für das Lernen und Gedächtnis, die Organisation von Wissen, Impulse zum Auslösen von Handlungen. Schicht 3 ist nicht direkt an Emotionen beteiligt, reagiert aber auf Emotionen. Z.B. sind bei Angst oder Stress das Lernen und das Gedächtnis eingeschränkt. In Schicht 3 passiert die Emotionsregulierung und Impulskontrolle. Vom Frontallappen kommen dämpfende Impulse zum limbischen System über hemmende Nervenbahnen. Wenn diese Funktion z.B. aufgrund lang anhaltendem Stress überstrapaziert ist, funktioniert diese Regulierung nicht gut (Beruhigungsmittel sind dann oft der Ersatz.). Auch bei Demenz ist der Frontallappen beeinträchtigt und die archaischen Emotionen aus Schicht 2 treten unreguliert zutage. Umgekehrt werden in Schicht 3 an sich neutrale Vorgänge, die sonst nur z.B. nach Kosten-Nutzen-Überlegungen entschieden würden, mit bewertenden Emotionen belegt.

Nach dem von Tina Bär und Dr. Volker Mueller geleiteten abschließenden Akademie-Forum wurde die Verbindung von neurologischen Ergebnissen bzw. Betrachtungen mit philosophisch-psychologischen Kategorien auf dieser Tagung als bereichernd erfahren. Auch war die Tagung ein gelungener Mix aus verschiedenen Zugängen bzw. Arbeits- und Begegnungsformen (Vortrag, Diskussion, Arbeitsgruppen, Exkursion, Filmvorführung, Geselligkeit). Als angenehm wurde auch erlebt, dass keinen Einseitigkeiten (rigoroser Determinismus, extremer Idealismus) das Wort geredet wurde, sondern Kompatibilitätsmodellen verschiedener Varianz.

Ein Tagungsband zu der hier vorgestellten Tagung zum menschlichen Gehirn wird als Band Nr. 38 der Schriftenreihe der FA 2019 zum Preis von 19,90 EUR erscheinen und kann beim Angelika-Lenz-Verlag bereits jetzt vorbestellt werden. Er knüpft an eine Tagung der FA zum Thema Bewusstsein an, deren Vorträge als Band Nr. 29 bereits 2010 erschienen sind und beim A.-Lenz-Verlag bzw. im Buchhandel zum Preis von 15,00 EUR erhältlich ist.

Dieter Fauth

Tagungsbericht Fachtagung als PDF

Tagung 2018 1

Tagung 2018 2

Tagung 2018 3

Tagung 2018 4

Tagung 2018 5

Tagung 2018 6

Tagung 2018 7


Einladung zur wissenschaftlichen Tagung 2018

„Solange das Gehirn ein Geheimnis ist, wird auch das Universum ein Geheimnis bleiben.“

(Santiago Ramón y Cajal)

Die wissenschaftliche Tagung der Freien Akademie wird vom 10. bis 13. Mai 2018 in der Frankenakademie Schloss Schney stattfinden. Es wird das Thema "Das menschliche Gehirn" behandelt.

Über Jahrhunderte hinweg waren den Menschen das Gehirn und der Geist, das Denken und Wollen, das Erinnern und Lernen und Erfinden ein Rätsel. Das menschliche Gehirn fasziniert WissenschaftlerInnen und PhilosophInnen seit jeher. Und auch wenn viele Geheimnisse noch tief verborgen sind, wissen Forscherinnen und Forscher heute mehr darüber, als je zuvor. Die einen suchen danach, wie Gefühle im Gehirn entstehen, andere danach, wie wir eigentlich lernen. Einige forschen daran, wie sich Krankheiten des Gehirns auf unsere Persönlichkeit auswirken, andere, ob sich Intelligenz auch künstlich herstellen lässt. Die Tagung bietet allen Interessierten einen Einblick in Fragen und Ergebnisse der gegenwärtigen Hirnforschung, sowohl aus fachwissenschaftlicher als auch aus interdisziplinärer Sicht.

Was wissen wir heute darüber, wie sich das menschliche Gehirn und Bewusstsein entwickelt hat? Was sind Bewusstseinsprozesse aus neurobiologischer Sicht? Was folgen daraus für psychologische und ethische Konsequenzen? Wieso streiten die HirnforscherInnen darum, ob es einen freien Willen gibt oder nicht? Wie wird heutzutage an der Optimierung des Gehirns gearbeitet? Darf man das überhaupt, der Natur ins Handwerk pfuschen, oder muss man es, weil man es kann? Wie entstehen Emotionen in Kopf, von denen wir oft meinen, sie wären eine Sache des Herzens? Welche Fragen können Forscherinnen und Forscher heute schon beantworten und was ist offen?

Lassen Sie uns gemeinsam auf eine Entdeckungsreise zum aktuellen Stand der Forschung gehen, lassen Sie uns fragen und diskutieren und gemeinsam klüger werden. Sie sind herzlich eingeladen!

Tina Bär und Dr. Volker Mueller

Wissenschaftliche Tagungsleitung

 


Nachruf für Jan Bretschneider

Am 21. Dezember 2017 ist unser langjähriges Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates der Freien Akademie, unser Mitstreiter und Freund Dr. Dr. Jan Bretschneider verstorben. Wir verlieren einen sehr ausgleichenden Kollegen mit ausgezeichneten und weitreichenden Fachkenntnissen. Durch seine Vorschläge und Ideen und durch seine Vorträge auf unseren wissenschaftlichen Tagungen hat er unsere freiakademische Arbeit bereichert.

Unser Mitgefühl gilt seiner Lebensgefährtin und seiner Familie.

Jan Bretschneider, Jahrgang 1938, studierte von 1956 bis 1961 Biologie und Chemie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er arbeitete zunächst als Dozent für Biologie und als Lehrer. Seit 1970 war er wissenschaftlicher Assistent und Lektor an der Universität Jena, ab 1978 Mitarbeiter am interdisziplinären Forschungsprojekt „Einheit in der naturwissenschaftlichen Erkenntnis“, von 1993 bis 1998 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsgruppe für Didaktik der Biologie. Er lehrte und forschte vor allem zu Fragen der Biologiedidaktik und des Verhältnisses von Naturwissenschaften (insbesondere Biowissenschaften) und Philosophie. 1974 promovierte er zum Dr. rer. nat. und 1992 zum Dr. phil..

Er hat mehrere Bücher und über 200 Publikationen vorgelegt.  

Als selbstbewusster  anregender Denker und kreativer Pädagoge bleibt uns Jan Bretschneider in lebendiger Erinnerung.  Wir werden ihn vermissen und sein Andenken in Ehren halten.

 

Dr. Volker Mueller

Präsident der Freien Akademie


 Ankündigung der Tagung 2018

Die wissenschaftliche Tagung der Freien Akademie wird vom 10. bis  13. Mai 2018 in der Frankenakademie Schloss Schney stattfinden. Es wird das Thema "Das menschliche Gehirn" behandelt. Dabei sollen die gegenwärtige Hirnforschung, deren Resultate und Konsequenzen sowohl aus fachwissenschaftlicher als auch aus interdisziplinärer Sicht im Mittelpunkt stehen. Die Evolution des menschlichen Bewusstseins wird ebenso erörtert wie psychologische und ethische Konsequenzen.

Alle Interessenten sind herzlich eingeladen!

Anfragen können gern gerichtet werden an die: Freie Akademie, Holbeinstr. 61, 14612 Falkensee.  

Dr. Volker Mueller

Präsident der Freien Akademie


Tagungsbericht 2017

Die wissenschaftliche Jahrestagung der Freien Akademie wurde vom 25. bis 28. Mai 2017 in der Frankenakademie Schloss Schney zu dem Thema „Macht der Bilder, Macht der Sprache“ durchgeführt. Die Eröffnung und Begrüßung erfolgte durch den Präsidenten der Freien Akademie, Dr. Volker Mueller (Falkensee).

Der wissenschaftliche Tagungsleiter 2017 Prof. Dr. Walter Otto Ötsch (Bernkastel-Kues) eröffnete die Tagung mit grundsätzlichen Gedanken zum Thema Bildlichkeit mit dem Titel: Die Bedeutung von Bildern für das „Denken“.  Er bezog sich dabei auf den Philosophen Hans Jonas, dessen These vom homo pictor besagt, dass Menschen fähig seien, Bilder zu produzieren und damit fähig, eine andere Beziehung zu Objekten aufzubauen als andere Lebewesen. Was bedeute es aber für ein Wesen, dass ein Bild (etwa ein entdecktes Höhlenbild) gemacht habe? Was bedeute es, ein Bild als Bild wahrzunehmen? Der Mensch sei ein bildwahrnehmendes wie auch ein bildproduzierendes Wesen. Das zeige, dass Menschen die Fähigkeit haben, Erkennen von der unmittelbaren Sinneswahrnehmung zu trennen, so entstünden beispielsweise Erinnerungen. Auch die Einbildungskraft sei eine wichtige, den Menschen ausmachende Folge, sowie auch die Freiheit, über Dinge nachzusinnen. Die imaginative Distanz zu Dingen mache das Nachdenken und Erfinden möglich. Ötsch vertritt dabei die These, dass es vor allem unbewusste Bilder sind, die hinter der Ebene der Sprache und Begriffe liegen, wobei er einräumte, dass Bildlichkeit eine Hypothese ist, die in den anderen Wissenschaften nicht sehr anerkannt ist. In der Diskussion wurde ein breites Spektrum an Fragen aufgeworfen, die im Laufe der Tagung wieder aufgegriffen wurden. Dazu gehören Fragen nach der Klarheit des Begriffs Bildlichkeit, nach der Verbindung von auditiven mit bildlichen Vorstellungen und der Verbindung von Denken in Situationen und Denken in Bildern.

Prof. Dr. Pia Knoeferle (Berlin) befasste sich mit dem Thema „Sprache und Bilder“ in neurologischer Sicht. Sie erforschte den Zusammenhang vor allem durch Auswertung von Augenbewegungen sowie Gehirnreaktionen. Ihre Leitfragen bezogen sich auf das Wechselverhältnis von Sprache und Bild beim Verstehen: liegt der Sprachverarbeitung eher Begrifflichkeit oder Bilder zugrunde? Ist Sprachverarbeitung ein eher bewusster oder eher unbewusster Ablauf? Unterstützen Bilder Sprachverstehen und/oder umgekehrt? Wir alle wissen bereits, dass der Inhalt eines Sprachsatzes besser verstanden wird, wenn er auch visuell abgebildet ist. Untersuchungen der Referentin des Bezugs zwischen Sprachbedeutung und Augenbewegungen vertiefen dieses Wissen. Sage ich z.B. „Nase“, so legt der Hörer seine Aufmerksamkeit auf die zu sehende Nase. Entsprechendes passiert auch bei semantisch widersprüchlichen Verbindungen. Sage ich z.B. „Klavier“, es befindet sich aber eine Trompete im Raum, so legt der Hörer trotzdem mehr Aufmerksamkeit auf die Trompete. Analoges gilt z.B. für ‚Schlange‘ und ‚Wasserschlauch‘. Entsprechende Verstärkungen von Sprachverstehen durch Bilder gibt es nicht nur bei konkreten, sondern auch bei abstrakten Inhalten. Z.B. wird eine erhöhte Aufmerksamkeit des Hörers nicht nur beim Wort ‚Nase‘ auf die Nase gerichtet, sondern ebenso beim Wort ‚Geruch‘, hier allerdings, wie die Augenbewegungen des Hörers verraten, etwas später. Das heißt, Sprache erhält ihre Bedeutung beim Hörer auch aus der visuellen Umgebung bzw. Wahrnehmung. Die visuelle Wahrnehmung bereichert ein situiertes Sprachverstehen. Diese Verbindungen von Wort und Bild werden beim Hörer weitgehend unbewusst hergestellt. Das heißt, Sprachverarbeitung ist auch ein unbewusster Ablauf. Sprachverstehen wird freilich nicht nur über das Auge unterstützt, sondern selbstverständlich über Gehirnreaktionen. Immer bewirkt eine Verbindung von Sprache und Bild eine spezielle Hirntätigkeit. Dabei ist die Hirntätigkeit umso intensiver, je unerwarteter bzw. wunderlicher der Sprachinhalt angesichts des Gesehenen ist. Verwunderung erzeugt z.B., wenn ein Verb nicht zu einer gesehenen Handlung passt (semantisches Problem) oder wenn im Sprachsatz das Objekt zuerst und erst danach das Subjekt genannt wird (syntaktisches Problem). Insgesamt kann also auch auf neurowissenschaftlichem Weg gezeigt werden, dass und wie Sprache und Bildlichkeit zusammen wirken.

In ihrem Vortrag stellte PD Dr. Kirstin Zeyer (Carl von Ossietzki Universität Oldenburg) die „Bildlichkeit in der Geschichte der Philosophie“ am Leitfaden exemplarischer Positionen der Philosophiegeschichte von Platon bis Ernst Cassirer dar. Platons Unterscheidung einer wahren Welt der Ideen von der Welt der sinnenfälligen Dinge liege das prinzipielle Mißtrauen gegen die Sinnendinge zugrunde, welche als vergängliche Abbilder ihren unvergänglichen Urbildern, den Ideen, nachgeordnet werden. So ist die Sonne im Sonnengleichnis nur das Abbild der Idee des Guten und die Ideen seien daher handlungsleitende Zielvorstellungen. Selbsterkenntnis sei dann eine Angleichung der Seele an Gott. Diese vollziehe sich dialogisch mit anderen, so Dr. Zeyer in Anlehnung an Ernst Cassirer, sodass Wahrheit, ermittelt durch Kooperation, Resultat einer sozialen Handlung sei. Für das christliche Denken sind drei Positionen von Augustinus´ Bestimmung des Geistes als Spiegelbild (speculum), das sich selbst reflektiert, also als Bild weiß, über Eriugenas Auffassung der Theophanie bis zu Cusanus´ Bestimmung des Menschen als „lebendiges Bild Gottes“ erläutert worden. In der Neuzeit habe sich dann die Kontroverse entwickelt, ob die Dinge den Status von Objekten, die keine Bilder sind (Descartes), oder von „Bewusstseinstatsachen“, also subjektiven Bildern (Berkeley: esse est percipi) haben. Dieser Sensualismus münde in eine `Irrealisierung´ von Objekt und Subjekt bei Ernst Mach („`Ich´ besteht aus einer Reihe von Empfindungselementen“). Dagegen finde sich in Diltheys Hermeneutik eine Aufwertung der imaginatio und von Bildern. Für eine Überwindung der sich daraus ergebenden „Krise der Selbsterkenntnis“ des Menschen ist zum Abschluss der Ansatz von Ernst Cassirer zur Debatte gestellt worden: Wenn alle kulturellen `Formen´ von Sprache, Religion, Kunst usw. Tätigkeiten bzw. Funktionen und keine Substanzen seien, dann sei der Mensch ein „animal symbolicum“ und daher jede Kulturtätigkeit Symboltätigkeit. Somit ergäbe sich eine „Einheit von `Sinnlichkeit´ und `Sinn´ und Wahrnehmung wäre eine Wechselbeziehung von `Darstellendem´ und `Dargestelltem´.           

Die Tagungsteilnehmer und -teilnehmerinnen erlebten am Freitagnachmittag eine Exkursion zum Bamberger Dom, in der das Tagungsthema versinnbildlicht und vertieft werden konnte. Der romanische Bamberger Dom St. Peter und St. Georg gehört zu den deutschen Kaiserdomen und ist mit seinen vier Türmen das beherrschende Bauwerk des Weltkulturerbes Bamberger Altstadt. Er steht auf der markanten Erhebung des Dombergs, der noch weitere historische Gebäude aufweist. Im Inneren befinden sich neben dem Bamberger Reiter das Grab des einzigen heiliggesprochenen Kaiserpaars des Heiligen Römischen Reichs sowie das einzige Papstgrab in Deutschland und nördlich der Alpen. In einer hervorragenden Führung im Dom erfuhren wir viele kulturhistorische und bildwissenschaftliche Hintergründe.

Bis zu den Veränderungen am Bauwerk Ende des Mittelalters blieben die Namen der Baumeister und Künstler, die an der Schaffung des Bauwerks beteiligt waren, unbekannt, so auch der Schöpfer des Bamberger Reiters. Diese Figur – die älteste erhaltene mittelalterliche Plastik eines Reiters – wurde um das Jahr 1230 aus mehreren Schilfsandsteinblöcken hergestellt und zeigt einen unbekannten Herrscher. Sie steht noch immer an dem Pfeiler, an dem sie früher aufgestellt war. Das Kaisergrab im Bamberger Dom wurde in den Jahren 1499 bis 1513 in der Werkstatt Tilman Riemenschneiders angefertigt. Das marmorne Hochgrab des Kaisers Heinrich II. und der Kaiserin Kunigunde zeigt auf den Seitenwänden Legenden aus dem Leben des Kaiserpaars.

Im Bamberger Dom befindet sich außer dem Kaisergrab auch das Grab des Papstes Clemens II., das einzige erhaltene Grab eines Papstes nördlich der Alpen. Clemens, vordem Bischof Suitger von Bamberg, wurde auf der Synode von Sutri zum Papst bestimmt, blieb aber weiterhin Bischof von Bamberg, seiner „süßesten Braut“. Nach seinem Tod wurde sein Leichnam nach Bamberg überführt und befindet sich heute – kaum sichtbar und nicht öffentlich zugänglich – hinter dem Bischofsstuhl, der Kathedra.

Die Kathedra, der Bischofsstuhl, steht seit dem Jahr 1969 vor dem Papstgrab. Sie ist Zeichen für den Verkündigungsauftrag des Bischofs, auf ihr darf nur der rechtmäßig bestellte und geweihte Bischof Platz nehmen. Die 1899 geschaffene Kathedra des Bamberger Doms ist ein neuromanisches Kunstwerk, das aus einem hölzernen, mit vergoldetem Kupferblech und geprägtem Leder überzogenen Stuhl besteht, der mit Halbedelsteinen verziert ist. Der Entwurf stammt von dem Münchener Akademieprofessor Leonhard Romeis und lehnt sich eng an frühmittelalterliche Vorbilder an.

Dr. Dirk Schindelbeck (Jena) stellte in seinem bildreichen Vortrag am Freitagabend dar, wie in den 50er Jahren von Seiten der Privatwirtschaft systematisch Werbung für die Einführung der ‚Sozialen Marktwirtschaft‘ betrieben wurde, nachdem nach dem II. Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise in den 20er Jahren die Wiedereinführung des Kapitalismus nicht so ohne weiteres möglich schien. Eine maßgebliche Rolle habe dabei der Unternehmerverein „Die Waage e.V.“ gespielt, die 1952 den bürgerlichen Kräften für die kommende Bundestagswahl helfen wollte. Diesem Verein gehörten Großindustrielle und Unternehmer von Firmen wie BASF, über Bosch und Siemens, bis Shell und Continental an. Auch das Meinungsforschungsinstitut Allensbach habe eine wesentliche Rolle in der Begleitung der Aktivitäten gespielt, deren Umfrageergebnisse zur Optimierung der Werbekampagne genutzt wurden. Kern der mehrjährigen Kampagne waren Anzeigenserien mit 149 Motiven, mehreren Plakaten und sogar Kinofilmen, in denen zwei Musterdiskutanten  Dialoge zur sozialen Marktwirtschaft führten. Nach Selbsteinschätzung des Vereinsvorstandes haben diese Aktivitäten zu einer Wählerwanderung von 5% bei der Bundestagswahl 1953 beigetragen. Der Vortrag verdeutlichte damit an einem konkreten Beispiel, wie die Macht der Bilder in der Werbung für politische Zwecke genutzt wurde und es wurde die Schwierigkeit diskutiert, wie gegen die Wirkmacht der Werbeindustrie in Wirtschaft und Politik mit der Macht des Wortes entgegen getreten werden kann und ob das überhaupt möglich sei, wie es viele Intellektuelle und Demokraten immer wieder versuchten, oder ob man die Macht der Bilder nicht stärker anerkennen und auch in kritischen Kreisen stärker an der Bildlichkeit gearbeitet werden sollte.

Seinen Hauptvortrag „Bilder des Rechtspopulismus“ am Samstagvormittag leitete Prof. Dr. Walter O. Ötsch (Cusanus Hochschule Bernkastel-Kues) mit allgemeinen Hinweisen auf eine Theorie der sozialen Repräsentation ein. Die Tatsache, dass Menschen mit varianten und invarianten Bildern bei der Wahrnehmung sozialer Beziehungen operieren, wurde am „Sozialen Panorama Modell“ von Lucas Derks dargestellt. Demnach bedingen die im mentalen Raum angesiedelten Repräsentationen auf dem Wege bestimmter Kanäle der Weitergabe die sozialen Interaktionen. Daher sei der Kern des Rechtspopulismus ein bestimmtes Bild der Gesellschaft, also eine „andere Art des Denkens“, nicht nur andere Inhalte. Grundlage des Populismus sei – nach Cas Mudde – die Unterteilung der Gesellschaft in zwei Gruppen, das wahre Volk und die korrupte Elite. Populisten geben vor, den wahren Volkswillen zu kennen (volonté generale), und wollen dessen Repräsentation durchsetzen. Demagogie als Volksverführung radikalisiere deswegen immer das Bild der Zweiteilung „Die – Wir“: „Die“ sind die Bedrohung, „Wir“ haben Angst; Probleme sind verursacht durch die „Anderen“, „sie“ bedrohen „uns“. Deshalb müssen „wir“ uns wehren und die Populisten treten als diejenigen auf, die Widerstand und Schutz vor den „Anderen“ garantieren werden. So entstehe ein Feld von Gegensätzen: System – Volk, Elite – Bürger, Kartell – Demokratie, EU-Diktatur – Nationalstaat, Multikulti – unsere Kultur, Willkommenskultur – Volksgemeinschaft. Alle diese Begriffe seien „freie Erfindungen“, da es diese Gruppen gar nicht gebe, so Prof. Ötsch. Demagogen gehen dann von bestehenden Ängsten, Sorgen und Befürchtungen der Menschen aus (z. B. Finanzkrise 2008/09) und leiten sie auf die genannten Gegensätze um. Dabei werden Verschwörungstheorien, kalkulierte Provokationen, Verwandlung von Sachthemen in Kämpfe von Personen etc. als Mittel der Demagogie eingesetzt. Die Depersonifikation der „Anderen“ entfalte dann die Hass-Sprache, für die die inneren Hass-Bilder zu Gewaltphantasien und zur Entmenschlichung der „Anderen“ mobilisiert werden. Zum Abschluss hat Prof. Ötsch auf zukünftige Gefahren verwiesen: Eskalationsspiralen in den Medien und auf öffentlichen Plätzen, die Zunahme des Verschwörungsdenkens und die „Erhöhung der Dosis“ bis hin zur Gewalttätigkeit. Diese Gefahren bestehen auch deswegen, weil der Rechtspopulismus für tatsächliche Probleme gar keine Lösungen anbieten kann.         

Im Mittelpunkt der Ausführungen von Prof. Dr. Silja Graupe (Bernkastel-Kues) über „Sprache und Beeinflussung in der ökonomischen Bildung“ stand die Frage, wie ökonomische Bilder in der ökonomischen Bildung geprägt werden. Gibt es eine Indoktrination in der ökonomischen Bildung, eine Überbetonung marktwirtschaftlicher Frames? Sie plädierte für eine stärkere Berücksichtigung solcher Frames wie Umweltschutz oder soziale Gerechtigkeit in der politischen Bildung. Sie kritisierte eine drohende komplette Standardisierung der ökonomischen Bildung, insofern wenige gleichartige Lehrbücher seit Jahrzehnten und übersetzt in viele Sprachen die Hochschulbildung im Bereich Ökonomie dominieren und auch die weitere Fachliteratur nicht diskursiv angelegt ist. Die Finanzkrise 2008 hat nicht zu einer Pluralisierung der Ökonomie beigetragen, sondern im Gegenteil das unkritische Antrainieren von quasi ökonomischen ‚Glaubenssätzen‘ noch verstärkt. Insofern grenzt die Hochschulbildung im Bereich Ökonomie meistenorts an Indoktrination. Schon der Ökonom John Maynard Keynes (1883-1946) habe gewusst, dass die Macht der Ökonomen darauf beruht, ökonomische Theorien nicht als Hypothesen zu reflektieren, sondern so zu tun, als wäre die Theorie die Welt selber. Die Studierenden werden soweit in die Mathematik hinein getrieben, dass keine Erfahrung bleibt und schließlich von der „reinen“ Ökonomie geredet wird. Der genannten ökonomischen Beeinflussung liegt z.B. das Prägungsmuster des ökonomischen Framing zugrunde. Frames sind unbewusste Vorstellungen, die vor allen Fakten gebildet werden, so dass Fakten nur auf der Basis bzw. im Rahmen dieser Frames verarbeitet werden können. Z.B. wird der ursprünglich sehr erfahrungsgesättigte Begriff ‚Markt‘ (Wochenmarkt, …) abstrakt gemacht (Regulativ mit unsichtbarer Hand, …) und dann neu, neo-liberal, geprägt. So wird schließlich das Bewusste erfahrungsunabhängig, reine Mathematik, Statistik und Rechnen. Die prägenden Einstellungen (frames) bleiben aber unbewusst. Eine Umprägung des ökonomischen common-sense (reframing) geht daher nicht durch Aufklärung und dauert lange. Für ein reframing ist es wichtig zu wissen, wie frames gebildet werden. Hier ist nicht so sehr der Wirtschaftswissenschaftler als vielmehr der Kognitionswissenschaftler gefragt. Das ökonomische framing basiert zum Einen auf einem dualistischen Denken bar jeder Erfahrung: Wir vs. die Anderen (im Sozialismus, …) / Staat vs. Markt / Kontrolle vs. Freiwilligkeit / … Dualismen sprechen nicht den ruhigen, kritischen Verstand des Aufgeklärten an, sondern erzeugen eine unbewusste Abwehrhaltung. Zum Zweiten passiert beim ökonomischen framing eine Hypo-Kognition. Dem Lernenden werden immer nur Einzelaspekte mitgeteilt. Studierende kommen mit ökonomischen Fragen, Gerechtigkeitsfragen, Verbindungen zur Ökologie, usw. Alsbald werden sie intellektuell reduziert, als ob sie in der Welt wie in einem Supermarkt stehen. Dort muss ich mit niemandem reden, befinde mich in einer Monokultur des Denkens. Hypo-Kognition passiert auch, wenn über ökonomische Vorgänge mit genuin wirtschaftsfremder Terminologie geredet wird („Rettungsschirm“, …). Zum Dritten passiert ein ideologisches Framing. Denn das Verkümmern des sachlich Komplexen geht mit einem moralischen Verblassen einher. Nachdem eigene Erfahrung und komplexes Denken aus dem ökonomischen Lernen herausgefiltert sind, bleibt nur ein Gefühl übrig und zwar ein gutes Gefühl, wenn ich auf der Seite des Marktes stehe. Beeinflussung ökonomischen Denkens geschieht aber nicht nur durch die Sprache, sondern auch durch Bilder. Z.B. wenn Marktbereiche wie Organe im Organismus betrachtet werden. Auch über Graphiken werden erwünschte ökonomische Haltungen visuell transportiert. Beispiel ist eine Graphik zum Grenznutzen (= Nutzenzuwachs). Der Studierende soll sich vorstellen, Eis zu konsumieren (schöner Kontext!). Eine Kugel kostet 20 Dollar, 19 Dollar, … (jenseits aller Erfahrung!). Wann ist der Zuwachs an Nutzen beim Konsum einer Kugel Eis höher als der Verlust an Geld? Eine pluralistische Ökonomie wird die Pluralität der Erfahrungen zurückholen, das Vorbewusste bewusst machen (nicht nur beim Einzelnen, sondern für Gruppen / Gemeinschaften), damit jeder Studierende selbstreflexiv eigene Weltbilder gewinnen kann. Der Mensch hat das Potential, alles zu denken. Deshalb sollte die Gemeinschaft dafür sorgen, dass dies bestmöglich möglich ist. Dazu brauchen wir keine Hierarchie, keine Gewalt, usw., sondern sollten nahe am Anarchismus sein.

In ihrem Kurzvortrag ging Frau Tina Bär (Berlin) auf Noam Chomsky und sein Thema „Sprache und Freiheit“ ein.  Was hat Sprache mit Freiheit zu tun? Und wie begrenzt Sprache unseren Denkhorizont? Was sind wir eigentlich in der Lage zu erkennen und zu verstehen von der Welt? Keinen geringeren Fragen als diesen geht Noam Chomsky in seinem 2016 erschienenen Buch „Was für Lebewesen sind wir?“ nach. Der Vortrag zeichnete zentrale Thesen seiner Arbeit nach und stellte mögliche Schlussfolgerungen zur Diskussion.

Für Chomsky ist die Funktion von Sprache nicht vordergründig Kommunikation, sondern Sprache ist für ihn vielmehr ein Werkzeug des Denkens. Er beschäftigt sich mit Sprache als internem Wissenssystem, nicht mit Sprache, wie sie externalisiert, also gesprochen oder geschrieben wird. Chomsky vertritt darüber hinaus die Auffassung, dass der Mensch über so etwas wie eine generative Grammatik verfügt, die man sich wie ein mathematisches Regelsystem vorstellen kann. Demzufolge basiert unsere Sprachfähigkeit auf einer geteilten biologischen Ausstattung, die uns Denken und Sprache überhaupt erst ermöglicht. Diese Auffassung grenzt sich von verhaltenswissenschaftlichen Erklärungsansätzen ab und ist nicht unumstritten. Für Chomsky ist die Existenz einer generativen Grammatik allerdings die wahrscheinlichste Erklärung für die Beobachtung, dass wir in der Lage sind, aus wenigen Sätzen, die wir beim Erlernen einer Sprache hören, ein „unbegrenztes Spektrum hierarchisch strukturierter Ausdrücke“ zu generieren.

Und aus humanistischer Sicht ist vor allem interessant, was aus Chomskys These folgt: Dass unsere grundsätzliche kognitive Sprachfähigkeit, die Existenz der von ihm angenommenen generativen Grammatik, „unbegrenztes und kreatives Denken“ ermöglicht und den Menschen zur Freiheit befähigt. Gleichzeitig sind unsere unendlichen Möglichkeiten begrenzt: Unsere angeborenen Strukturen machen uns Chomsky zufolge eine reiche Vielfalt formulierbarer Fragen zugänglich, während sie andere ausschließen. Wir haben dieser These zufolge also nur ein begrenztes Spektrum an Möglichkeiten, überhaupt die richtigen Fragen zu stellen.

Der 27. Mai 2017 wurde mit einem angenehmen Musischen Abend abgeschlossen.

Am Sonntagvormittag war die Ausgangsthese des Vortrages von Dr. Stephan Pühringer (Linz) über „Bilder der ÖkonomInnen zur Finanzkrise 2008“ die Fragestellung, wieso dieses einschneidende Ereignis zu keiner fundamentalen Neuausrichtung der ökonomischen Wissenschaft im deutschsprachigen Raum führte. Nur unmittelbar nach der Krise habe es ein Strohfeuer von Selbstkritik in der Wirtschaftswissenschaft gegeben („keynesianisches Moment“): zu weit weg vom Weltgeschehen; Erwägung von Finanzmarktregulierung; Kritik an Austeritätspolitik, Fiskalpakte gegen Staatsschulden. Doch bald sind die Machtstrukturen in den Wirtschaftswissenschaften zurückgekehrt: Wie vorher wird das Heterodoxe stetig marginalisiert und eine Dominanz der Neoklassik befördert; wie vorher werden andere Sozialwissenschaften nur schwach rezipiert; wie vorher wird auf die Eliten unter den Wirtschaftsprofessoren geschaut und werden hierarchische Strukturen gestärkt. Diese Entwicklung wird mit Bildern von der Finanzkrise 2008 unterstützt: Die Finanzkrise wird als Krankheit dargestellt, die die Wirtschaft infiziert hat,  bzw. als Naturphänomen. Wirtschaft wird anthropomorph als sensibler Akteur dargestellt, der nicht gut behandelt wurde und jetzt droht; gelegentlich wird die Finanzkrise mit technischem Versagen parallelisiert und vom Wirtschaftsmotor ohne Öl gesprochen; oder man bedient sich Kriegsmetaphorik, wenn Kredite wirkten wie Massenvernichtungswaffen. Bei all dem fehlt, die Finanzkrise als Chance hin zur Steuerung der Makroökonomie durch die Regierung in einer ordo-liberalen Demokratie mit politischer Toleranz (=im Sinne von Keynes) zu sehen. Im Vergleich zu 2008 hat Roosevelt die Weltwirtschaftskrise 1929 vorbildlich erklärt.

In einer offenen Debatte mit den anwesenden Referentinnen und Referenten wurden im beschließenden Akademischen Forum  Ergebnisse der wissenschaftlichen Tagung erörtert und offene und weiterführende Fragestellungen besprochen. Die Tagung wurde von den Teilnehmenden ausgesprochen erfreulich und niveauvoll eingeschätzt und der interdisziplinäre Ansatz gewürdigt. Herrn Prof. Dr. Ötsch als wissenschaftlichem Tagungsleiter und allen Referierenden wurde für ihre Arbeit herzlich gedankt.

Präsidium der Freien Akademie