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Bericht zur Tagung der Freien Akademie Mai 2013:

Denis Diderot und der Zusammenhang der Wissenschaften und der Künste

Die Freie Akademie hat ihre wissenschaftliche Tagung vom 9. bis 12. Mai 2013 in der Fankenakademie Schloss Schney mit 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Jahr der Aufklärung – aus Anlass des 300. Geburtstages von Denis Diderot – erfolgreich durchgeführt. Die Tagungsbeiträge sind in einem filmischen Zusammenschnitt anzuschauen unter: https://www.youtube.com/watch?v=y0Er77iG1x8

Der wissenschaftliche Tagungsleiter Dr. Volker Mueller (Falkensee) ordnete das 18. Jahrhundert in seinem einführenden Vortrag „Das Phänomen der Europäischen Aufklärung“ als das philosophische Jahrhundert, als das Jahrhundert des Lichts und der Vernunft ein. Große politische und wirtschaftliche Umwälzungen gingen einher mit geistigen Bestrebungen, neue Gesellschaftsordnungen und die Emanzipation im geistigen Raum zu entwickeln und philosophisch zu begründen sowie aufklärend zu wirken. Frankreich zeigte sich führend im geistigen Raum, wobei die französischen Philosophen in engen Kontakten zu Menschen in anderen europäischen Ländern standen. Aufklärung erwies sich als europäisches Phänomen. Zentrale Themen der Aufklärung waren die Emanzipation der Wissenschaft, vor allem der Naturwissenschaft, von der Theologie, die Entwicklung dogmenfreier Religion, so des Deismus bis hin zum Atheismus, die Emanzipation des Menschen mit dem Postulat der Gleichheit aller (ausgenommen Frauen und Sklaven, was aber bis Ende des Jahrhunderts auch schon kritisch diskutiert wurde), das Aufheben überkommener Denkfiguren und der Autoritätshörigkeit durch eigenes selbstbestimmtes Denken, die Forderung nach Gleichheit vor dem Gesetz, die nicht mehr als natürlich aufgefasst wurde, sondern dem ein Gesellschaftsvertrag zugrunde gelegt wurde,  und der gegenseitigen Toleranz. Erfindungen und Entdeckungen führten zu einem kosmopolitischen Blick. Die Methoden des 18. Jahrhunderts wurden der methodische Zweifel, die systematische Kritik und die kritische Erfahrung in der experimentellen Naturwissenschaft.

Bis heute weiterwirkende Themen sind vor allem

-       die intersubjektive Überprüfbarkeit wissenschaftlicher Aussagen,

-       die Menschen- und Bürgerrechte,

-       Gleichheit vor dem Gesetz eines Staates,

-       die Trennung von Religion und Staat. 

Erschüttert wurde allerdings der Fortschrittsoptimismus des 18. Jahrhunderts vor allem durch die historischen Ereignisse im 20. Jahrhundert, was auch zur Kritik an der Aufklärung selbst führte, als sie durch ihre Konzentration auf Technik und Rationalität sich selbst aufhebe. 

Die Aufklärung ist bis heute unabgeschlossen (kann sie je ernsthaft abgeschlossen werden?). Gewonnene Ergebnisse sind die Menschenrechte, das Infragestellen der „Allianz von Thron und Altar“ und der Humanismus - als wesentliche Teile des Erbes der Aufklärung. Wir nehmen heute deutlicher ihre Kehrseiten wahr, Kritik, Vernunft und Zweifel erhalten heute neue Funktion. Auch die Freiheitsrechte vor allem in Meinung und Kunst werden in ihrer Bedeutung für die Gesellschaft und ihrer Veränderbarkeit - und die Freiheit insgesamt  - besser eingeschätzt. Basierend auf der Aufklärung etabliert sich das Denken im Gesamtzusammenhang in den Wissenschaften und in der Frage nach den Auswirkungen der Erkenntnisse auf anderes. 

Neue Fragen tauchen auf, die den Prozess der Aufklärung wieder neu beleben, wie die Abschätzung von Risiken, die soziale Verwerfung durch arm und reich, die Förderung von Vernunft und Urteilskraft durch Bildung, aber auch die gedämpften Erwartungen bezüglich der modernen Wissenschaften als Hoffnungsträger der Moderne. 

Volker Mueller führte die Entstehung der Themen und gerade die neue Sicht des wissenschaftlichen Denkens und kritischen Fragens am nächsten Tag in seiner Darstellung der Person Denis Diderots und der „Encyclopédie“ aus, weswegen darüber hier gleich im Anschluss berichtet werden soll. In seinem Vortrag zu „Wissen und Weisheit. Diderots Idee vom Ganzen und die Encyclopédie“ widmete er sich diesem zentralen Werk Diderots. Erschienen in einem ersten Band 1751, der letzte, der 17. Textband - neben elf Bildbänden - dann 1772 , ist sie nicht nur eine Sammlung des damaligen Wissens, sondern Diderot stellte in ihr den Zusammenhang der Wissenschaften, der Technik und Künste und der gesellschaftlichen Themen dar und klassifiziert sie. In seiner Grundkonzeption eines Stammbaumes des menschlichen Wissens, ausgehend von den Fähigkeiten des menschlichen Geistes und der Sinne, als auch durch den Aufbau der Artikel mit zahllosen Querverweisen, werden die Tatsachen nicht einfach vereinzelt dargelegt, sondern in einen Grundzusammenhang gestellt.

Zwischen Einführung und Ausführung über Diderots Encyclopédie sprach Dr. Erich Satter (Graz) in einem Vortrag mit sehr vielen Querverweisen über „Die Wechselwirkung von Ethik und Ästhetik“.

Für Diderot war es Aufgabe der Kunst, Erfahrung zur Veränderung von Menschen zu schaffen.  Damit überschätzte er die Wirkung der Kunst, weist aber auf die Abhängigkeit des Verstandes vom Gefühl hin. Satter unterschied zwischen Ästhetik als Wissenschaft der sinnlichen Wahrnehmung und der Ästhetik als subjektive Empfindung und untersuchte den Zusammenhang zwischen Ethik und Ästhetik, inwieweit Kunst eine emotionale Wirkung auf die Ethik habe. Die Ambivalenz des Ästhetischen ist grundsätzlich einzusehen, nicht nur könne sie zum Guten anregen, sie werde auch eingesetzt als Herrschaftsinstrument zur Manipulation. In ihrer Sprachunabhängigkeit und Emotionalität wirkt sie direkter auf den Menschen, Kunst als nonverbale Darstellung des kaum Sagbaren kann dabei auch Verborgenes und Dunkles sichtbar machen wie auch verschleiern. Satter führte anhand Victor Krafts Kultur-Ethik aus, wie eine Wechselwirkung zwischen Ästhetik und Ethik möglich sei. Für Kraft ist der oberste ethische Wert die Wahrheit und in der Ästhetik der oberste Wert die Entwicklung der Kultur: Wahrheit deswegen, weil Lügen an der Wirklichkeit scheitern und daher die Konstanz des Lebens aufheben. Die Wechselbeziehung zwischen Ethik und Entwicklung der Kultur  bestimme den Wert des Lebens. Eine Freiheit der Kunst steht dabei über utilitaristischen Erwägungen. Was beides vereine, sei der Versuch, eine Ethik ohne Mystifikation und  Bezug zur Gewalt zu entwickeln, und eine Ästhetik im Sinne einer objektiven Wissenschaft der sinnlichen Wahrnehmung zur Beschreibung der Wirkung von Kunst in ihrer  befreienden wie manipulativen Form  zu entwickeln, damit beides zur Entwicklung des Menschen beitrage. 

Christian Michelsen (Falkensee) widmete im 1. Workshop seinen Vortrag über Skeptizismus noch einmal ganz Diderot. Dessen skeptische Methode stellte er anhand Diderots erster philosophischen Schrift „Philosophische Gedanken“ von 1746 vor - in Abgrenzung zur Pyrrhonischen Form des Skeptizismus, wie sie  zuletzt von Pierre Bayle dazu benutzt wurde, um die Vernunft als Weg zur Wahrheitsgewinnung abzuwerten, wodurch Wahrheit sich nur noch durch Glaube als Offenbarungswahrheit erschließe. Diderot setzt dagegen auf die drei Schritte der sorgfältigen Naturbeobachtung, der tiefen Reflexion darüber und der genauen Erfahrung, mit deren Hilfe man zu wahren Sätzen gelangen könne. Richtiges Schlussfolgern und experimentelle Physik führen zu wahren Sätzen, für die es keine gleichwertige Verneinung gebe, wie der pyrrhonische Skeptizismus voraussetze. Diderot griff hier Sokrates’ Dialogform („Hebammenkunst“) auf, die er mit seiner Methode weiterentwickelte.

 

Anstelle des Vortrages von Prof. Raby (Angers), der leider kurzfristig aus Krankheitsgründen nicht kommen konnte, vertieften  am Freitagabend literarische Texte von und über Diderot das Wissen über ihn und seine Zeit.

 

Am Samstagvormittag nahm Dr. Michael Schippan (Wolfenbüttel) alle in einem anekdoten- und kenntnisreichen Vortrag zu  „Denis Diderot und Katharina die Große. Wissenschaften und Künste zur ‚Zivilisierung‘ Russlands?“ mit auf die Reise Diderots nach Russland zu Zarin Katharina II. Er berichtete über die Aufklärung in Russland und über Begegnungen Diderots, deren gegenseitige Einschätzung und die literarischen Ergebnisse, die Diderot daraus verfertigte. Katharina II. unterstützte Diderot materiell und dafür verteidigte er sie gegen Angriffe auf ihren Ruf.  

Da bedauerlicherweise die vorgesehene Referentin Frau Dr. Baron (Halle/ S.) kurzfristig nicht anreisen konnte, vertiefte Michael Schippan am Nachmittag in einem 2. Vortrag seine Ausführungen über die aufgeklärte Schriftstellerin Katharina die Große. Die Zarin war die produktivste Schriftstellerin zu ihrer Zeit in ihrem Reich und verfolgte neben Entspannung für sich selbst mit ihrem breitgefächerten Schreiben, bei dem nur die Gedichte fehlten, auch erzieherische und politische Ziele für ihre Untertanen. Bedeutend gehört dazu auch ihre Instruktion zur Verfertigung eines Entwurfs zu einem neuen Gesetzbuch. Darin erwies sie sich ganz als religiös-tolerante und pragmatische Aufklärerin, sofern ihre politische Macht nicht bedroht wurde. 

In einem Textvergleich nahm dazwischen in einem 2. Workshop Stephan Kohnen (Falkensee) die Teilnehmer mit in die philosophische Diskussion des Theodizee-Problems anhand von Texten von Johann Gottfried Leibniz, Francois-Marie Voltaire und Immanuel Kant. Dies war eines der Themen, das gerade in der Aufklärung große Beachtung fand - auch aufgrund der Naturkatastrophe in Lissabon 1755, bei der ein großes Erdbeben die Stadt zerstörte und viele Opfer forderte.

Noch einmal sehr genau betrachtete Prof. Dr. Franz M. Wuketits  (Wien) Diderots Ideen zur Evolution in seinem Vortrag „Diderot und die Anfänge des Evolutionsgedankens“. Er erläuterte zuerst, was Evolutionstheorie sei - in Abgrenzung zur Evolution, die neutral Entwicklung bedeutet. Man spricht von Evolutionstheorie dann, wenn sie postuliert, dass Evolution stattfindet und sie die Gesetzmäßigkeiten und Mechanismen der Evolution angibt. Anschließend diskutierte er die Hindernisse, die sich einer Entwicklung einer solchen Theorie im 18.Jahrhundert stellte. Neben der Macht der Kirche war es auch die wörtliche Bibelauslegung, die eine Vorstellung der langen Zeiträume, die für eine Evolution notwendig sind, verhinderte. Hinzu kam die Schwierigkeit, dass Evolution selbst nicht wahrnehmbar ist und das Weltbild der damaligen Zeit, das nur in Form von Wesenheiten und nicht von Prozessen dachte, ein starres war. Wuketits zeigte anhand von Zitaten, dass Diderot im 18. Jahrhundert ein echter Vorreiter des Evolutionsgedankens war, allerdings reichte es nicht zur Entwicklung einer eigenständigen Theorie. Deutlich wird bei ihm die Entwicklung hin zu einem dynamischen Denken und zu einem säkularen Humanismus.

Arbeitsgruppen diskutierten mit den Referenten die Themen am Freitag- und Samstagnachmittag jeweils weiter. Dire Tagungsteilnehmer nahmen diese Möglichkeiten sehr gern und intensiv wahr.

Am Samstag zur Abrundung fand der traditionelle und geliebte Musische Abend, diesmal gestaltet von Lehrkräften der Musikschule Lichtenfels, mit Musik aus der Zeit der Aufklärung statt.

Zum Abschluss am Sonntagvormittag konnten noch offene Fragen im Akademie-Forum mit allen anwesenden Referenten  gemeinsam ausführlich diskutiert werden. Im wesentlichen waren sich die Tagungsteilnehmer einig, dass Aufklärung seit ca. 300 Jahren Gegenwart ist und sie nicht abgeschlossen sei. Der gesellschaftliche Fortschritt seit dem 18. Jahrhundert der Aufklärung in Europa hat eine gewisse Janusköpfigkeit, die sich seitdem zwischen Perfektibilität, Wohlstand und Zerstörung zeigte.   

Was bleibt nun im Prozess der Aufklärung? Das ist die sich bedingende Entwicklung von Kultur und Technik – bei einer ethischen Verantwortung der Wissenschaftler. Wissenschafts- und Technikfeindlichkeit bleibt abzulehnen, aber auch eine zu unkritische Fortschrittsgläubigkeit. Die Aufklärung hat uns die Fragen nach der Irreversibilität des Wissens, einer dynamischen kritischen Vernunft und einem notwendigen neuen Zusammenhangsdenken hinterlassen. Die Encyclopédie ist ein enormes kulturelles Gedächtnis. Ein kritischer Umgang mit modernen Medien und die Beachtung der „dunklen Seite“ der Aufklärung führen uns jedoch nicht weg von dem Nutzen von Wissenschaft, Künsten, Gewerben und Technik. Wissenschaft und Kultur seien nicht trennbar und die fehlerhafte Trennung von Natur- und Geisteswissenschaft im 19. Jahrhundert musste und muss überwunden werden.

Die Tagung bot nicht nur sehr viel neue Information über die Aufklärung des 18. Jahrhunderts und Diderot, sondern wies auch darauf hin, dass sie unabgeschlossen und fort zuführen sei, teilweise mit alten, aber auch mit weiteren neuen Themen.

Renate Bauer, Ludwigshafen

 

 

FREIE AKADEMIE e.V.


Zum Tode von Prof. Dr. Johannes Neumann.

Nachruf der FREIEN AKADEMIE

Mit großer Trauer haben wir vom Tod unseres langjährigen Mitglieds der FREIEN AKADEMIE und unseres aktiven Mitglieds des Wissenschaftlichen Beirates Herrn Prof. Dr. Johannes Neumann erfahren. Nach schwerer Krankheit verstarb er im 84. Lebensjahr am 5. Mai 2013 in Oberkirch. Die FREIE AKADEMIE hat einen seiner bedeutendsten Wissenschaftler, einen großen Förderer und einen Freund verloren. 


Foto © Evelin Frerk  (hpd, Nr: 15868)

Über 30 Jahre hat Johannes Neumann in der FREIEN AKADEMIE mitgewirkt. Als FA-Beiratsmitglied und mehrmaliger Tagungsleiter und Referent hat er großen Anteil am wissenschaftlichen Profil der FREIEN AKADEMIE; er hat sie als offene überkonfessionelle Bildungs- und Wissenschaftsinstitution geschätzt. Die interdisziplinäre Konzentration auf Daseins- und Wertefragen und die Grundfragen des Menschseins und der Kultur zeichnete ihn als Wissenschaftler und Humanisten aus. Er trug dazu bei, die Welt jenseits von Kirche und Dogmatik besser zu verstehen, sich selbst und die Gesellschaft mittels Bildung genauer zu erkennen und entsprechende Orientierungen, Impulse und Handlungsmöglichkeiten zu erarbeiten. Er hat in der Schriftenreihe der FREIEN AKADEMIE mit seinen Beiträgen eindrucksvolle Zeugnisse seiner freiakademischen Arbeit hinterlassen.

Johannes Neumann wurde am 23. November 1929 in Königsberg geboren und studierte dann in Freiburg und München Philosophie, Geschichte, Soziologie und Theologie. Nach der Promotion und Habilitation in München wurde er Professor für Kirchenrecht an der Theologischen Fakultät der Universität Tübingen, wo er u.a. an der Seite von Hans Küng und Joseph Ratzinger lehrte. Er wurde Dekan der Theologischen Fakultät Tübingen. Nach der Rückgabe der Missio Canonica und seinem Bruch mit der Kirche war er ab 1977 Professor für Rechts- und Religionssoziologie. 1995 wurde er emeritiert.

Er hat viele Publikationen vorgelegt, vor allem zu soziologischen und sozialen Fragen, zur religionskritischen Aufklärung und zum Verhältnis von Staat und Kirche im säkular verfassten Staat.

Johannes Neumann hat mehrere wissenschaftliche Tagungen der FREIEN AKADEMIE geleitet und nachhaltig wirkende Vorträge gehalten. Wir werden unsere unzähligen Gespräche mit ihm und seine unaufgeregte, gelassene und kompetente Art, auch schwierige Sachverhalte zu besprechen und zu erklären, vermissen. Sein aufrechter Gang für die Wissenschafts- und Geistesfreiheit und die Menschenwürde haben uns nachhaltig beeindruckt. Bescheiden und engagiert hat er als Wissenschaftler und Humanist in der FREIEN AKADEMIE viele Menschen angeregt und Spuren in ihrem Denken und ihren Herzen hinterlassen.

Unser besonderes Mitgefühl übermitteln wir insbesondere seiner Ehefrau Ursula Neumann und seiner Familie.

Wir danken Johannes Neumann  für sein Lebenswerk und für sein selbstloses Wirken für die FREIE AKADEMIE. Er hinterlässt uns eine schmerzliche Lücke.

Berlin und Falkensee, im Mai 2013

Dr. Volker Mueller

Präsident der FREIEN AKADEMIE und

Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates der FA

 

 

 

Ankündigung

der wissenschaftlichen Tagung der Freien Akademie

vom 1. bis 4. Mai 2014, in der Frankenakademie Schloß Schney, Lichtenfels

Die Freie Akademie wird ihre Tagung im Jahr 2014 wieder in der Frankenakademie Schloß Schney, bei Lichtenfels, zum Themenbereich

„Frieden und Krieg im 20. und 21. Jahrhundert –

Ursachen, Konsequenzen, Alternativen“

durchführen. Dieses vielgestaltige Thema reflektiert ein wesentliches globales Problem, das das Leben und Weiterleben der Menschen, ja ganzer Völker beinhaltet. Anlass der Tagung ist der 100. Jahrestag des Beginns des 1. Weltkrieges (1914 – 1918).

Auf der wissenschaftlichen Tagung sollen vor allem die Ursachen und die Wirkungsgeschichte des 1. Weltkrieges, die Entwicklungen vor, während und nach dem 2. Weltkrieg (1939 – 1945) sowie friedenspolitische Anstrengungen behandelt werden. Unser parteienunabhängiger und überkonfessioneller Ansatz in der Freien Akademie soll das Finden auf Antworten zu den wesentlichen Daseins- und Lebensfragen des menschlichen Miteinanders in Respekt und Frieden befördern.

Die beiden, von deutschem Boden ausgegangenen Weltkriege haben das 20. Jahrhundert auf schreckliche Weise geprägt. Welche Ursachen und Hintergründe gibt es? Welche Konsequenzen ziehen wir daraus? Die neuen Dimensionen eines Krieges in der Gegenwart, der durch den Einsatz von Atomwaffen und anderen Massenvernichtungswaffen gekennzeichnet wäre, führen zu der Erkenntnis, dass generell Kriege auf unserer Erde nicht mehr führbar und gewinnbar sind. Wie sieht jedoch die Politik der letzten Jahrzehnte und in nächster Zukunft aus?  Worin bestehen neue Konfliktlösungsstrategien, tragfähige völkerrechtsverbindliche Regelungen und notwendige Alternativen zu Krieg und Gewalt in den Beziehungen der Staaten?

Politische und andere Fragen der Friedenssicherung haben in den letzten 100 Jahren die Menschen sehr bewegt, nicht nur wegen der internationalen Kriegserfahrungen im 20. Jahrhundert. Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und Völkerrecht sind zu unabdingbaren Bedingungen für ein friedliches Zusammenleben der Menschen geworden, in denen Diktatur, Militarismus und Unterdrückung keinen Platz mehr haben. Der „kalte Krieg“ ist Geschichte.

Eine besondere und wichtige Frage ist die nach der Rolle von Religionen und Ideologien für Frieden und Krieg. Sind religiös-weltanschauliche Konflikte, Fanatismus und Extremismus wesentliche Ursachen für Krieg, Terror und Gewalt, sogar heute mehr als früher?

Auf der Tagung wollen wir diesen und anderen aktuelle Fragen der Friedensforschung und Friedensarbeit zur Kriegsverhinderung nachgehen. Die Entwicklung der Militärstrategien, der Erstschlagthese sowie der Auffassungen über das Recht der militärischen Verteidigung und über „gerechte und ungerechte Kriege“ wollen wir rekonstruieren und uns damit kritisch auseinandersetzen. Kann zum Beispiel Pazifismus Krieg verhindern? Hat Hochrüstung den Frieden sicherer gemacht? Sind „humanitäre Einsätze“ im 20. und 21. Jahrhundert geeignet, die ethisch bestimmten Menschenbilder (der Mensch als natürliches und soziales Wesen) weiterzuentwickeln? Welche Auswirkungen haben militärische Auseinandersetzungen, Kriege oder ein friedliches Leben auf Ökonomie und Ökologie, auf die Natur und die Sozialität?

Die Tagung wird verschiedene sozial- und politikwissenschaftliche, kulturelle, ökonomische, militärische, friedensforschungsrelevante und humanitäre Aspekte beleuchten. In offenen Gesprächen sollen das Geschichtsbewusstsein und die Friedensanstrengungen im 21. Jahrhundert erörtert und verstärkt werden.

Dazu sind alle Interessenten herzlich eingeladen.

Weitere Informationen und das Programm werden auf der Homepage der Freien Akademie veröffentlicht werden: www.freie-akademie-online.de

Anfragen und Vortragsangebote können übermittelt werden an:

Freie Akademie e.V., 14612 Falkensee, Holbeinstr. 61.

Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Dr. Volker Mueller

Präsident der Freien Akademie

Programmflyer und Anmeldung



 

 

 

 

Einladung

zur wissenschaftlichen Tagung der Freien Akademie

vom 9. bis 12. Mai 2013 in der Frankenakademie Schloss Schney

Die Freie Akademie wird ihre Tagung im Jahr 2013 in der Frankenakademie Schloss Schney, bei Lichtenfels zum Thema

 

"Denis Diderot und der Zusammenhang der Wissenschaften und der Künste" 

 

durchführen. Sie wird sich intensiv mit den historischen und aktuellen Inhalten freien aufklärerischen Denkens und seinen gesellschaftlichen, weltanschaulichen und wissenschaftlichen Wirkungen beschäftigen, die zu revolutionären Veränderungen geführt haben. Besonderes Augenmerk wird dem enzyklopädischen Zusammenhang und den Wechselwirkungen von Philosophie, Wissenschaften, freien Künsten und mechanischen Künsten seit dem 18. Jahrhundert gewidmet.

Anlass der Tagung ist der 300. Geburtstag eines der schillerndsten und inspirierenden Köpfe der europäischen Aufklärung: Denis Diderot (1713 – 1784), der freidenkende Philosoph, Wissenschaftler, Techniker, Schriftsteller, Dramatiker und Enzyklopädist. 

Aus der Zeit der (unvollendeten) Aufklärung heraus entwickeln sich Geistesfreiheit, Humanismus und Menschenrechte.

 

Geleitet wird die Tagung vom Präsidenten der FA, Herrn Dr. Volker Mueller.

 

Weitere Informationen und das Programm sind in der Anlage zu finden oder auf der Homepage der Freien Akademie veröffentlicht:www.freie-akademie-online.de

 

Auf der interdisziplinären Akademie-Tagung soll Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Gelegenheit gegeben werden, in vorbereiteten Kurzvorträgen eigene Thesen und Ideen zum Thema vorzutragen. Die Kurzvorträge sollen neben den Hauptvorträgen und Arbeitskreisen ein eigenständiges Element der Tagung am Freitag- und Samstagnachmittag sein. Sie sollen ggf. auch im Tagungsband mit publiziert werden.

 

Aus Planungsgründen sind die Kurzvorträge vorab bis zum 15.4.2013 beim Tagungsleiter mit dem Thema und einem kurzen Exposé anzumelden. Das FA-Präsidium lädt herzlich dazu ein, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen und sie anderen potentiellen Interessenten zu vermitteln.

 

Anfragen und Vortragsangebote können übermittelt werden an:

 

Freie Akademie e.V., Dr. V. Mueller, 14612 Falkensee, Holbeinstr. 61.

 

Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Downloads:

Anmeldung 2013

Tagungsflyer 2013

 

 

 


Bericht zur Tagung der FREIEN AKADEMIE

Anfang und Ende des individuellen menschlichen Lebens

vom 17. bis 20. Mai 2012 auf Schloss Schney / Lichtenfels.

 

Nach der Begrüßung durch den Präsidenten Dr. Volker Mueller, schilderte der Wissenschaftliche Tagungsleiter Dr. Dieter Fauth zunächst Eindrücke von der Vorbereitung der Tagung. Erfreulich sei, dass die Tagung erneut über die Bundeszentrale für politische Bildung vom Paritätischen Bildungswerk finanziell gefördert wird. Dies ist zugleich auch eine Rückmeldung zum inhaltlichen Niveau unserer Tagungen. Besonders bedauerlich verliefen die Bemühungen, junge Nachwuchswissenschaftler und -praktiker – aus welchen das Tagungsthema berührenden Bereichen auch immer – für Kurzreferate zu gewinnen. Obwohl diese Menschen Erfahrungen im wissenschaftlichen Diskurs und eigene Publikationen brauchen könnten, sei die Resonanz gleich Null gewesen. Dabei sei dieser Personenkreis systematisch beworben worden, u. a. mithilfe folgender Stellen, die in der Betreuung von Nachwuchskräften tätig sind: (1) academics – Karriereportal für Wissenschaft und Forschung; (2) Bundesministerium für Bildung und Forschung; (3) Deutscher Studienpreis; (4) KISSWIN- Information und Beratung zur wissenschaftlichen Karriere; (5) Kooperationsstelle der EU der Wissenschaftsorganisationen, Bereich Nachwuchswissenschaftler; (6) Robert-Bosch-Stiftung; (7) Rosa-Luxemburg-Stiftung, Bereich Nachwuchsförderung; (8) Studienstiftung des deutschen Volkes e. V.; (9) THESIS – Interdisziplinäres Netzwerk für Nachwuchsforscher.

Inhaltlich gesehen sei das Tagungsthema besonders unter fachlichen, ethischen und unter gesellschaftspolitischen sowie ökonomischen Perspektiven aktuell: (1) Fachlich ist das mit der Tagung umspannte Themenfeld für den Laien nicht mehr zu überblicken. Der Bürger benötige aber zumindest Basiswissen, wolle er eine demokratisch-rechtsstaatlichen Zivilgesellschaft mündig mit gestalten. (2) Das heutige Wissen in den Bereichen Gentechnik und Medizintechnik ermöglicht es, menschliches Leben schier beliebig zu erzeugen und zu designen bzw. am Ende zu verkürzen oder zu verlängern. Dies wirft die ethischen Fragen auf, ob der Mensch tun soll, was er tun kann bzw. überhaupt wissen soll, was er nicht tun darf. (3) Die demografische Entwicklung in Deutschland mit einem Defizit an Geburten und einem großen Bevölkerungsanteil an Älteren lässt fragen, unter welchen Umständen in unserer Gesellschaft Kinder zur Welt kommen (müssen) bzw. ältere Menschen von der Allgemeinheit noch menschenwürdig versorgt werden (können). Hierbei sind gewiss auch ökonomische Aspekte (privater und volkswirtschaftlicher Art) von Bedeutung. Besonders hinsichtlich der ethischen und der politisch-gesellschaftlichen Dimensionen des Themas bilden Lebensanfang und -ende einen zusammenhängenden Komplex.

Im Einzelnen gilt es gewiss Vielerlei zu bedenken. Für den Anfang des individuellen menschlichen Lebens sind dies etwa folgende Möglichkeiten: Embryonen im Reagenzglas zu erzeugen und dann nach gentechnischer Analyse auf ihre „Brauchbarkeit“ hin auszusortieren bzw. in die Gebärmutter einzusetzen; Embryonen im Mutterleib abzutreiben; Stammzellen von Embryonen zur Herstellung z. B. von Organen oder Blutplasma zur Heilung anderer zu verwenden; Schwangerschaft auf Probe; Vaterschaftstests durchzuführen oder zu unterlassen; ... Im Blick auf das Lebensende ist die Problematik nicht weniger komplex: Umgang mit den Möglichkeiten passiver und aktiver Sterbehilfe; letzter Wille und Patientenverfügungen; Hirnstrommessungen und ihre Konsequenzen; künstliche Beatmung; Umgang mit Komapatienten; eher medizintechnisch oder eher psychosozial orientierte Sterbebegleitung; ...

Es konnten ReferentInnen gewonnen werden, die die Thematik in eher wissenschaftlich-theoretischer und eher unter lebenspraktischen Perspektiven bedenken. Jeder von uns ist von diesem Thema persönlich und existentiell betroffen. Daher sollte die Tagung Zeit und Raum zum Gespräch mit den ReferentInnen und unter der Teilnehmerschaft bieten. Vielleicht gelingt es zudem, die Themen gemäß dem Selbstverständnis der „freien“ Akademie auch nonkonform abseits von mainstream-Ansätzen und nicht nur unter etablierten Fragestellungen zu beleuchten. Jedenfalls bietet die Tagung eine Mischung aus Fakten sowie Reflexionen über die politisch-gesellschaftliche und ethische Relevanz dieser Fakten, so dass die Teilnehmer in ihrer persönlichen Entscheidungskompetenz im Blick auf das Thema nach der Tagung hoffentlich mündiger sind als vorher.

 

Den Auftakt der Hauptreferate bildete ein Vortrag über Medizintechnik und Biotechnologie am Lebensanfang von Prof. Dr. Michael Mayer / Fachhochschule Jena. Sein Vortrag ist filmisch dokumentiert unter: http://www.youtube.com/watch?v=_uAoYlfWHuM&feature=context-cha

Er thematisierte besonders die künstliche Befruchtung, die vorgeburtliche Diagnostik und die Präimplantationsdiagnostik (PID). Im Blick auf die künstliche Befruchtung erging der Hinweis, dass es Abtreibung in der Menschheitsgeschichte schon immer gab, Biotechnik bei ungewollter Kinderlosigkeit aber neu sei. Die Invitro-Fertilisation („Retortenbabys“) gibt es seit 1978 und es leben bereits vier bis fünf Mio. entsprechend erzeugte Menschen weltweit, in Deutschland ca. 10.000. Ab der Einnistung des befruchteten Eies entspricht die künstliche Befruchtung dem natürlichen Vorgang. Ethische bzw. gesellschaftliche Herausforderungen sind hierbei besonders dann gegeben, wenn Vater und / oder Mutter Dritte sind bzw. das befruchtete Ei von einer Leihmutter ausgetragen wird. Bei der vorgeburtlichen Diagnostik gehe es primär nicht um die Frage, ob der Fötus abgetrieben oder ausgetragen werden soll, sondern um die frühe Behandlung einer eventuellen Gesundheitsstörung. Diese Diagnostik hilft oft, die werdenden Eltern zu beruhigen. Genetische Defekte sind heute besonders bedeutsam geworden, da andere Krankheiten am Lebensanfang weitgehend zurückgedrängt werden konnten. Trotzdem werde die Pränataldiagnostik heute nur bei ca. 8% der Schwangeren durchgeführt. Bis heute gibt es keine Gentherapie und es bleibt im Falle eines festgestellten Gendefektes lediglich die symptomatische Therapie. Daher sei Prävention besonders wichtig. Die Diagnostik ist immer mit Beratung verbunden, damit die Diagnostik nicht zu einem technischen Vorgang verkommt. Ein Einfluss dieser medizinischen Möglichkeit sei, dass sich 90% der Frauen mit einem Fötus, bei dem ein Down-Syndrom diagnostiziert wurde, für eine Abtreibung entscheiden, so dass Down-Embryonen zunehmend nicht mehr geboren werden. Das beinhaltet freilich auch erhebliche ethische und gesellschaftliche Probleme. Der gesellschaftliche Druck auf die Schwangere, kein behindertes Kind zu gebären, wächst; die Lebenssituation von Menschen mit Down-Syndrom kann durch den geschilderten Hintergrund bedrückend werden. Allerdings sei eine sinkende Akzeptanz von Behinderten wegen der Pränataldiagnostik zurzeit nicht belegbar. Mit der PID sol ein Defekt, der in einer Familie ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellt, bei der Fortpflanzung möglichst ausgeschlossen werden. Problematisch an der PID ist, dass sie auch zu anderen Zwecken verwendet werden kann. So kann man das Geschlecht des Fötus feststellen; man kann Embryonen als Gewebespender („Ersatzteillager“) nutzen; man kann alle genetischen Merkmale und nicht lediglich die krankhaften benennen, etwa die spätere Körpergröße. Auch deshalb ist in Deutschland die PID erst seit November 2011 erlaubt und zwar lediglich sehr eingeschränkt bei einer „genetischen Disposition“ mit „hohem Risiko“. Freilich ist der Bereich ethisch und gesellschaftlich hoch problematisch; z. B. könnte es schrittweise zu einer immer weitergehenden Anwendung kommen, etwa zur Selektion nach Huntington, einer Krankheit, die erst nach dem 40. Lebensjahr auftritt. Insgesamt bestach der Vortrag von Prof. Meyer durch seine hohe Sachlichkeit du Informationsdichte  und die Kunst, keine ethischen oder politisch-gesellschaftlichen Richtungen nahelegen zu wollen. Dies hat sich bei den Hörern gewiss sehr positiv auf den Zuwachs an Mündigkeit ausgewirkt.

Im weiteren Tagungsverlauf stellte Olaf Christensen rechtliche und rechtsphilosophische Grundlagen von Biotechnologie im Humanbereich heraus. Der Volljurist mit Befähigung zum Richteramt sprach hierbei vor allem auf der Grundlage seiner Erfahrungen als Berufsbetreuer. Seine Ausführungen kreisten um die Themenfelder Lebensschutz und Sterbehilfe. Gemäß den UN-Menschenrechten habe jedermann das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person. Im Blick auf vorgeburtliches menschliches Sein oder im Blick auf Hirntote entstehe aber das Problem zu bestimmen, wer „jedermann“ und wer eine „Person“ ist. Entsprechend den UN-Rechten hat auch laut GG jeder das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Spannend sei hierbei der weitere, ergänzende Satz, wonach in dieses Recht nur aufgrund eines Gesetzes eingegriffen werden dürfe. Beispiel für die Bedeutsamkeit dieses Zusatzes sei der sog. finale Rettungsschuss im kriminologischen Bereich. Wichtig sei auch, dass Grundrechte nicht gegeneinander abwägbar sind. So ist es z. B. verboten, hunderte von Personen in einem Flugzeug, das terroristisch missbraucht wird, zu opfern anstatt tausende Opfer nach Zerstörung eines Atomkraftwerkes in Kauf zu nehmen. Nach diesen rechtlichen Einblicken machte der Referent eher rechtsphilosophische Ausführungen. Was ist „Leben“? Freilich könne man allgemeine Merkmale wie Individualität und Stoffwechsel sowie individuelle Merkmale wie Personalität und Bewusstsein benennen. Doch: wann beginnt das Leben? Mit der Hirntätigkeit, da ja auch der Tod als Hirntod begriffen wird? Und: Ab wann ist der Mensch Grundrechtsträger? Zu bemerken ist, dass strafrechtlicher Lebensschutz nur für geborene Menschen bestehe. Abtreibung ist nicht Tötung oder Mord. Insgesamt strotze die Gesetzgebung vor unbestimmten Rechtsbegriffen und Rechtsregelungen. Hinsichtlich seines zweiten Hauptschlagwortes ‚Sterbehilfe‘ informierte Olaf Christensen darüber, dass in Deutschland die aktive Sterbehilfe verboten, die Beihilfe zur Selbsttötung aber erlaubt sei. Auch die Inkaufnahme der indirekten Sterbebeinflussung sei erlaubt, etwa wenn ein Arzt Morphium gegen Schmerzen gibt und damit den Tod z. B. durch Kreislaufversagen, hinnimmt. Allerdings müsse klar sein, dass es dem Arzt um Schmerzlinderung ging. Mit diesen Schlaglichtern war die Grenze der Sterbehilfe in Deutschland markiert. Patientenverfügungen haben eine hohe Verbindlichkeit und sind, besonders angesichts verschwimmender Grenzen zwischen Sterben und Tod, zu empfehlen. Abschließend beschrieb der Referent noch das Verhältnis von Medizin und Recht im Blick auf das Tagungsthema. Der Mediziner erwarte vom Juristen Klärung, dieser biete aber nur allgemeine Rahmen und muss die individuelle Umsetzung dem Mediziner überlassen. Freilich komme der Jurist dann, um den Mediziner zu überprüfen. Dies mache das Verhältnis beider Berufsgruppen schwierig, was aber von beiden Seiten auszuhalten sei.

 

Der Vortrag der Gynäkologin Dr. Wiltrud Mollenkopf bot für vieles bisher Gehörtes die praktischen Lebenserfahrungen. Demnach ist in der gynäkologischen weder Praxis die Betreuung von Schwangeren noch diejenige von Sterbenskranken eine große menschliche Herausforderung und keine vorwiegend technische Angelegenheit. Freilich sei Zeit ein höchst wertvolles und knappes Gut. Bei werdenden Eltern herrsche angesichts der heutigen diagnostischen Möglichkeiten oft hohe Verhaltensunsicherheit und entsprechend großer Gesprächs- und Beratungsbedarf. Doch bereits die heutige Komplexität des Alltags werde zum Problem für Eltern. Schon um Zeit und Gelegenheit zur Zeugung zu finden, brauche manches Paar heute Beratung. Entsprechend beratungsintensiv gehe es weiter bei Fragen zur Impfung, zur Ernährung und eben auch zum genetischen Bereich. Das Bestreben der Gynäkologin ist es dabei, dass die Schwangerschaft ihre Normalität behalten und dem Alltag angehören soll. Doch werde heute z. B. bereits in 25% aller Geburten ein Kaiserschnitt durchgeführt. Dies hängt mit der gesellschaftlichen Tendenz zum Meiden von Leiden / Schmerz zusammen, aber – jetzt aus Sicht des medizinischen Personals – auch mit der zunehmenden Verrechtlichung des Geburtsvorgangs. Ein großes Thema in der gynäkologischen Praxis sei auch Trisonomie 21. Bei der Gendiagnostik ist die informationelle Selbstbestimmung des Einzelnen zu beachten. So ist es im Normalfall (also bekanntes ohne „hohes Risiko“) nicht erlaubt zu untersuchen, ob ein Mensch später mit erhöhter Wahrscheinlichkeit z. B. Brustkrebs bekommen könnte. In der gynäkologischen Praxis ist der Betreuungsbedarf nicht nur am Lebensanfang, sondern auch im Umgang mit Sterbenskranken sehr hoch. Die Überlebensspanne weitet sich zunehmend aus, allerdings oft verbunden mit Einschränkungen der Lebensqualität. Dies schafft Betreuungsbedarf. Die Psychoonkologie für Kranke und Angehörige gewinnt daher zunehmend an Bedeutung. Für die Tagungsteilnehmer war das anschließende Gespräch mit Frau Dr. Mollenkopf sowie die Vertiefung dieser lebenspraktischen Themendimension in einer weiteren kleineren Gesprächsrunde, dort gemeinsam mit der nun folgenden Vortragenden, besonders wertvoll.

 

Mit den Folgen der künstlichen Befruchtung für Betroffene sowie für Gesellschaft und Politik, befasste sich die Journalistin Theresia de Jong aus Zetel. Sie begann ihren Vortrag zwar lyrisch mit dem Hesse-Gedicht. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne...“, kam dann aber sehr schnell auf die menschlichen Probleme zu sprechen, welche diesen Zauber nachhaltig beeinträchtigen können und was das für die Gesellschaft, die Politik und besonders für das Individuum bedeutet. Als Psychologin legte sie dabei den Schwerpunkt nicht nur auf die medizinischen, sonder mehr noch auf die psychischen Folgen bei den betroffenen Mütter, dabei besonders auf solche, bei denen die Prozedur der künstlichen Befruchtung nicht zur Mutterschaft reichte. Statistisch gesehen kommt es bei ca. 78.000 Behandlungen auf ca. 11.000 Schwangerschaften aber nur zu ca. 7.000 Lebendgeburten, die Frühchen eingeschlossen. Die medizinischen Folgen sind vorrangig darin zu sehen, dass es über hormonelle Stimulation häufig zu einem Überstimulations-Syndrom kommt, was über Hitzewellen und Depressionen bis zum Tod der Frau führen kann. Besonders schwierig ist ein Ausstieg aus der Behandlung, mit vielfältigen psychischen Folgen. Zu dem Gefühl des Versagens kommt bei der Frau oft die Kränkung ihrer eigenen Identität. Während die künstliche Befruchtung oft von jahrelangen Enttäuschungen und Belastungen begleitet sei, ist die natürliche Zeugung von Glückshormonen geprägt. Auch wechsle bei einem lebendigen Zeugungsumfeld für den Fötus die Nährflüssigkeit und ist nicht statisch wie im Reagenzglas. Auch würde die Eizelle im Körper per chemische Reaktion das Sperma „auswählen“, während bei der künstlichen Befruchtung eine Eizelle „begattet“ wird. Daher ist es der Referenten wichtig, möglichst lange und intensiv die natürliche Zeugung anzustreben und die künstliche Befruchtung zu vermeiden. Hierfür sprächen auch die psychischen Folgen einer künstlichen Befruchtung. So seien künstlich konzipierte Kinder doppelt so oft behindert und sei bei ihnen die spätere Scheidungsrate signifikant höher. Ein Embryo sei ein kohärentes Ganzes. Seine Kooperation mit der Umwelt sei prägend. Die Biografie eines Menschen beginne bei weitem nicht erst mit seiner Geburt. Bei der künstlichen Befruchtung mit evtl. 3 Müttern und zwei Vätern bleibe von Identität und Ahnenreihen nicht mehr übrig. Wenn das Erbgut des Kindes mit denen der faktischen „Eltern“ nicht übereinstimme, sei Verstehen später erschwert. So appellierte die Referentin an die eigene Verantwortlichkeit, kritisch mit der Humangenetik am Lebensanfang umzugehen. Ihr lag nicht so sehr daran, Technik und Recht, also Wissen zu verbessern, sondern die Betroffenen mündig zu machen, das heißt, die Weisheit der Beteiligten zu fördern. Insgesamt ging es ihr darum, die mentalen, biografischen und familiären, also sozial-psychologischen Auswirkungen der Humangenetik bewusst zu machen. Schließlich wurde ausgiebig über die Optimierung Pränataler-Implantations-Diagnostik (PDI) diskutiert, bei der vor dem Einsetzen, das Embryo genetisch überprüft wird sowie über die Leihmutterschaft allgemein. Die Frage nach den übriggeblieben Embryonen wurde ebenso behandelt, wie deren rechtlicher Status, das Problem der Samenspendung in Bezug auf Inzest, die Bedeutung von Selbsthilfegruppen für Samenspender und Eizellenspenderinnen sowie deren medizinisches Risiko. Betroffen machte der abschließende Hinweis auf den Wunsch nach „Designer-Babys“  und die Unterscheidung in Fortpflanzungs- und Nutzembryonen.

 

Als Mahnung an die Gegenwart wollte der Tagungsleiter Dr. Dieter Fauth seinen Vortrag über eugenische NS-Verbrechen verstanden wissen. Der Hintergrund war zunächst die persönliche Erfahrung im Projekt „Stolpersteine“, mit dem ermordeter Euthanasieopfer gedacht wird und die Reaktion der Angehörigen dieser Ermordeten, die meistens diesem Vorhaben negativ gegenüberstehen. Zunächst wurde die verbrecherische NS-Bevölkerungspolitik und ihre rassistische Begründung gestreift und ausgeführt, wie die Nationalsozialisten mit einem vulgären Sozialdarwinismus dieses Handeln naturrechtlich und religiös zu begründen versuchten. Die naturrechtliche Begründung lautete „in der freien Natur gibt es kein Erbarmen für Schwache“ und die religiöse „ihr Gnadentod ist Erlösung“ oder es gilt, den „Gottesacker von diesem Unkraut zu säubern“. Es wurde auch der Umgang heutiger Nachfahren von Euthanasie-Opfer mit ihrer Familiengeschichte geschildert. Wichtig ist dabei der Hinweis, dass man durch Zwangssterilisation einer Ermordung entkommen konnte. Interessant dann der Aspekt, dass der Umgang mit der Ermordung von Juden im NS-Regime heute eher öffentlich und bei betroffenen Nachfahren eher diskutabel erscheint, als der Umgang mit Euthanasie-Verbrechen und dass die Öffentlichkeit dieser Problematik offener gegenübersteht als die Angehörigen betroffener Euthanasie-Opfer. Dabei spielen Schuldgefühle ebenso eine Rolle, wie die Angst als Träger einer Erbkrankheit verdächtigt zu werden. Einerseits ist die Verdrängung und Tabuisierung in der Gesellschaft zu kritisieren, andererseits die Reflexion zu begrüßen, die sich in einer strengeren Humangesetzgebung niederschlägt.

 

Was ein Hauptmoderator ist, erfuhr das Plenum durch André Martin, der als solcher angekündigt war. Er kam aus Berlin und organisiert dort Bürgerkonferenzen, in diesem Fall für High-Tech-Medizin. Nach der Vorstellung seiner Arbeit und besonders der Bürgerkonferenzen, kam er auf deren Ergebnisse zu sprechen. Er arbeitet am IFOK GmbH. Deren Auftraggeber ist die das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). In mehreren Bundesländern werden Diskussionsforen gebildet und für jeden Stützpunkt eine Anzahl Bürger jeden Alters und beiderlei Geschlechts nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, die dann über ein vorgegebenes Thema diskutieren. Eine solche Bürgerkonferenz befasste sich auch mit Chancen und Risiken der High-Tech-Medizin. Die einzelnen Phasen dieses Bürgerdialogs sind 1. Ein Impulspapier auf dessen Grundlage sich ein offener Meinungsaustausch vollzieht, bei dem auch Experten hinzu gezogen werden können; 2. Ein Zwischenbericht; 3. Ein Bürger-Report; 4. Ergebnisse. Nicht nur das Procedere wurde nachvollziehbar erklärt und begründet, sondern auch die Ergebnisse ethischer, ökonomischer und rechtlicher Aspekte vorgestellt. Untersucht und diskutiert wurde in dieser Bürgerkonferenz sowohl die Intensiv- wie auch die Palliativmedizin und besonders auf die zunehmende Bedeutung letzterer hingewiesen. Um die Arbeitsbedingungen zu verbessern wird die Gründung eines Büros für Entbürokratisierung vorgeschlagen und gefordert das Ansehen der Pflegeberufe zu stärken. Das erfordert neben einer besseren Bezahlung eine Imagekampagne und eine höhere Wertschätzungskultur für die in der Pflege tätigen Mitmenschen. Obwohl das Ganze auch ein Plädoyer für eine direkte Demokratie darstellte, erhob sich die Frage, ob sich der eminente Aufwand lohnt. Der Verdacht des „politischen Feigenblatts“ und einer „McKinseylogie“ konnte auch in der Diskussion nicht völlig beseitigt werden. Freilich ist die Grundidee der Bürgerkonferenz, Zukunftsthemen von Anfang an im Dialog mit der Bevölkerung zu entwickeln, zu begrüßen. Dies hat die Hochpolitik bei der Einrichtung der Atomenergie versäumt, was sich später in mangelnder Akzeptanz und manchen irrigen Entwicklungen äußerte, die heute durch politische Kehrtwenden „repariert“ werden sollen. Inzwischen gibt es auch andere Formen des Bürgerdialogs. Z. B. wurden vom Bildungsministerium des Bundes Busse eingerichtet, die mit einer Ausstellung zur Nano-Technologie und einem Physiker ausgestattet sind. Sie besuchen Schulen, um bei der Einrichtung dieser Zukunftstechnologie die junge Bevölkerung mit auf den Weg zu nehmen.

 

Mit ethischen, ökonomischen, rechtlichen und politischen Aspekten der Pflegepraxis bei älteren Menschen befasste sich danach Prof. Dr. Stephan Dorschner von der Fachhochschule Jena, Fachbereich Sozialwesen. Sein Referat „Das Lebensende aus der Sicht der Pflegewissenschaft“ leitete er ein mit dem Rilke-Gedicht: „Ich lebe mein Leben in wachsendem Ringen...“ und mit Bildern, die die Pflege „visualisierten“. Thematisiert wurde besonders Lebensende und Pflege. Auf diesem Gebiet habe heute ein 40jähriger nicht die Erfahrung wie vor 60 Jahren ein 14jähriger. Prof. Dorschner geht es auch darum, in guten Zeiten auf das Sterben vorzubereiten. Er stellte die Frage, wann das Sterben beginnt: mit der Geburt oder dem Einsetzen der Krankheit? Der Spruch: „Was eine Raupe als Lebensende kennt, nennt ein Weiser einen Schmetterling“ leitete über zur „Pflege-Weg-Kreuzung“. Der Patient und das Fachpersonal gehen einen Teil des Weges gemeinsam und trennen sich wieder. Damit ist die Pflege auch ein zwischenmenschlicher Prozess. Es komme auf die Kooperation von professioneller Pflege und Laienpflege (Angehörige) an. Wegen der zunehmenden Singularisierung der Gesellschaft falle der zweite Part oft schwer. Die Pflegeversicherung sehe die Familie als hauptsächliche Pflegende an; zwei Drittel der Menschen traue sich aber Angehörigenpflege nicht zu. Bemerkenswert war dem Referenten auch, dass ein Drittel der Pflegenden heute Männer sind. Pflegen sie anders? Brauchen sie andere Unterstützung als pflegende Frauen? Für humanes Sterben wird eine Kultur des Sterbens gefordert und damit auch professionelle Sterbebegleitung. Dabei erhebt sich jedoch die Frage, wieweit der Mensch das Recht auf einen selbstbestimmten Tod hat. Mit der launischen Aussage, der Tod ist eine Rechnung, die jeder zahlt, wurde das Modell von Pflegestützpunkten vorgestellt und erörtert. Auch hier stand die Forderung nach einer Aufwertung des Pflegeberufes im Vordergrund mit dem Ergebnis, dass ein akademischer Ausbildungsweg vorgeschlagen wurde. Den Abschluss bildete eine Karikatur bei der neben einer Babyklappe auch eine Seniorenklappe zu sehen war.

 

Das Recht auf den selbstbestimmten Tod war dann Gegenstand des sehr fachkundigen Vortrags von Gerhard Rampp aus Augsburg, Vizepräsident der „Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben“. Einleitend wurde daraufhin gewiesen, dass neben der Abtreibung die Sterbehilfe nicht nur eine vieldiskutierte gesellschaftspolitische Streitfrage der letzten vier Jahrzehnte ist, sondern dass beides auch ideologisch geprägt sei. Engagiert und sehr überzeugend setzte sich der Referent für die Notwendigkeit einer Patientenverfügung ein und begründete dies auch mit zahlreichen Beispielen. Neben der unumstrittenen Sterbebegleitung machte er den Unterschied zwischen der kontrovers diskutierten Tötung auf Verlangen und der Beihilfe zum Freitod transparent. Dabei wurde auf sechs unterschiedliche Definitionen eingegangen:

1. Sterbebegleitung, darunter wird die Zuwendung und die persönlich anteilnehmende Begleitung im Sterbeprozess verstanden.

2. Passive Sterbehilfe ist das Unterlassen lebensstützender Maßnahmen wie das Abstellen von Apparaten oder das Verabreichung von entsprechenden Medikamenten.

3. Indirekte Sterbehilfe, auch als Tötung auf Verlangen bezeichnet, ist z. B. die „ungewollte“ Inkaufnahme eines beschleunigten Todes durch höhere Dosen schmerzstillender Medikamenten.

4. Freitod, hier macht die Gesellschaft für humanes Sterben einen Unterschied zum Suizid. Freitod ist eine Selbsttötung als Abkürzung eines qualvollen Sterbeprozesses, während mit Suizid ein freiwilliges Ausscheiden aus dem Leben, aus welchen Gründen auch immer bezeichnet wird.

5. Beihilfe zum Freitod - darunter wird die Besorgung von Hilfsmitteln für Personen verstanden, die selbst dazu nicht in der Lage sind. Die Tatherrschaft muss allerdings immer beim Betroffenen bleiben. Beihilfe zum Freitod ist, ebenso wie die vier voraus geschilderten Tatbestände, in Deutschland strafffrei.

6. Tötung auf Verlangen bzw. aktive Sterbehilfe, ist in einigen EU-Ländern auch strafffrei, aber in Deutschland nicht. Sie wird jedoch hier nur unter extrem seltenen Bedingungen diskutiert und liegt vor, wenn der Helfer bei der unmittelbaren Lebensbeendigung eingreift.

 

Spätestens bei dem Impulsreferat von Dr. phil. Erich Satter, „Die Axt des Holzfällers - Überlegungen zum Ich und einem Leben nach dem Tode“ - er hatte als einziger die Möglichkeit eines Kurzvortrags genutzt, - wurde klar, dass philosophische Aspekte etwas vernachlässigt blieben. Der Referent machte darauf aufmerksam, dass das Körperliche per Erbgut in den Nachkommen weiter wirkt. Insofern gibt es ein Weiterleben außerhalb der Individualität. Außer diesem individuellen Überleben bei Angehörigen gibt es ein überindividuelles Überleben durch die Wirkungen, die der Verstorbene, in der Kultur seiner Gesellschaft hinterlassen hat. So gibt es analog zu den Genen im individuellen Bereich Meme im überindividuellen Bereich. Erst wenn die Menschheit nicht mehr existiert, werden diese Wirkungen versiegen.

 

Abgerundet wurde die Tagung mit einem Akademie-Forum, an dem außer dem Präsidenten und dem Wissenschaftlichen Tagungsleiter die noch anwesenden Referenten teilnahmen. Hier hatten alle nochmals die Möglichkeit, offene Fragen zur Diskussion zu stellen, was dann auch mit den Fragen nach „guten Sitten“, „gesundem Volksempfinden“, dem Unterschied zwischen Moral und Ethik, über die Pflegesituation und der medizinischen Betreuung sowie den Frage nach Anfang und Ende des Lebens geschah. Ein Ergebnis war, dass hier die Wissenschaft zur Beantwortung dieser Fragen nicht ausreicht und eine allgemeine Verbindlichkeit schwierig ist, weil auch die jeweiligen kulturellen Kontexte eine Rolle spielen.

 

Resümee: Es war eine hervorragende Tagung, die fachkundige Auswahl der Referenten geglückt und die Durchführung erfreulich verlaufen. Bereichernd waren auch die Gesprächskreise, die ausnahmslos von Referenten geleitet wurden und vertiefende Impulse gaben. Zu der guten harmonischen Gesamtatmosphäre trug nicht nur das traditionelle morgendliche Singen unter der bewährten Leitung von Dietwart Inderfurth bei, sondern auch die unaufgeregte aber sehr effektive technische Tagungsleiteng von Alke Prem. Der musische Abend wurde von Theresia de Jong, Psychologin und Journalistin, welche zuvor über künstliche Befruchtung referierte, unter dem Thema „Musik als heilende Kraft“ gestaltet. Sie vermittelte „heilende Melodien“, auch als Seelenlieder bezeichnet, welche sie gemeinsam mit den Teilnehmern einstudierte und zum Vortrag brachte. Dabei schien die Grenze zur Esoterik manchmal etwas zu verschwimmen. Das war für die „Freigeister“ unter den „Freien Akademikern“ eine ganz neue Erfahrung, welcher man sich aber schmunzelnd aussetzte.

Ein Filmbericht über die Tagung ist zu finden unter:

http://www.youtube.com/watch?v=72T79AwGj68&feature=plcp

Die Beiträge werden in einem Tagungsband der Freien Akademie in Kürze erscheinen. Die Tagung wurde durch die Bundeszentrale für politische Bildung und das Paritätische Bildungswerk – Bundesverband gefördert.

  

Dr. Dieter Fauth / Dr. Erich Satter

 

 

 

Bericht über die Arbeitstagung der Freien Akademie vom 2. bis 5. Juni 2011 in der Frankenakademie Schloss Schney zum Thema:

 „Gentechnik - Möglichkeiten und Grenzen“

 

Nach Begrüßung durch den Präsidenten der Freien Akademie, Dr. Volker Mueller, gedachten die Anwesenden des verstorbenen langjährigen Präsidenten und späteren Ehrenmitglieds der Freien Akademie, Prof. Dr.-Ing. Jörg Albertz (1936 - 2010), in einer Schweigeminute.

Jörg Albertz hat wie kein anderer die Freie Akademie geprägt sowie deren Zusammenhalt und zugleich den wissenschaftlichen Diskurs gefördert. Sein Tod ist menschlich und fachlich ein sehr großer Verlust, auch über die Freie Akademie hinaus.

Vortrag von Prof. Dr. Rolf Röber: Von Jean-Baptiste de Lamarck und Charles Darwin über Gregor Mendel bis James Watson und Francis Crick, und weiter?

Als Tagungsleiter begann Herr Röber mit der Frage, warum die Gentechnik in der Öffentlichkeit diskutiert wird.

▪•Sind es mögliche von der Gentechnik ausgehende Gefahren?

▪•Was beunruhigt und dabei?

▪•Gibt es Aspekte des Nutzens dieser Techniken?

▪•Wozu ist die Gentechnik sonst noch gut?

Zudem wies er darauf hin, dass das Tagungsthema im Seminar schwerpunktmäßig am Beispiel der Pflanzen abgehandelt werden sollte, weil die Anwendung dieser Techniken von der Allgemeinheit dort besonders kritisch gesehen wird.

Züchtung durch Auslese allein sowie Kreuzung mit folgender Auslese an Pflanzen und Tieren gibt es schon lange. Die Auslese hat seit etwa 7000 Jahren zu zahlreichen Kulturpflanzen geführt und später in Verbindung mit der Kreuzung sogar zu neuen Arten und Sorten. Qualität und Erträge der Pflanzen sind durch diese Verfahren zudem signifikant erhöht worden. Die Möglichkeiten der Anwendung der Gentechnik zeigte er am Beispiel der Ausprägung roter Blütenfarben an Forsythien auf. Es folgte eine Betrachtung biologischer Fakten von der Entdeckung der Mendelschen Regeln als Grundlage der Kreuzungszüchtung bis hin zur Gentechnik.

Nach seiner Einleitung stellte er einige historische Fakten der Evolution vor, erläuterte die drei Mendelschen Regeln und legte dar, dass durch gezielte Anwendung der Unabhängigkeitsregel und schon bei nur zwei verschiedenen Merkmalen eines Lebewesens eine Neukombination bezüglich der beiden Merkmale in der zweiten Filialgeneration möglich ist. Mutationen sind aber auch zufällig durch Einwirkung der kosmischen Strahlung möglich. Die Natur braucht diese Variationen zu ihrer Weiterentwicklung und zur Anpassung an die variierenden natürlichen Verhältnisse. So können z.B. Arten aus völlig unterschiedlichen Familien durch sog. Konvergenz am selben Standort sehr ähnliche Formen ausbilden.

Im zweiten Teil seines Vortrages ging es Röber um die Veränderung an den Genen, die weder durch Umwelteinflüsse noch durch Auslese erfolgt sind. Grundlage ist die Erkenntnis: Es gibt einen einheitlichen Code für die Ausbildung und Entwicklung aller Lebewesen (Viren, Bakterien, Pflanzen, Tiere). Nur fünf organische Basen sind verantwortlich für den Aufbau organischer Substanz aus Aminosäuren. In der Gentechnik wird über den Eingriff in diesen Weg durch Menschenhand auf das Genom der Lebewesen gezielt Einfluss genommen.

Abschließend wandte er sich der Frage zu, wie diese „Evolution durch Menschenhand“ vonstattengeht und welchen Stellenwert die Gentechnik zukünftig einnehmen wird. Sein Vortrag schloss mit einem Blick auf die Zukunft und die möglichen Vor- und Nachteile der Gentechnik.

Vortrag von Frau Prof. Dr. Traud Winkelmann: Gentechnik bei Pflanzen – Methoden, Anwendungen und Chancen

Die Vortragende begann ihren sehr anschaulichen Grundlagenvortrag mit einer Zielformulierung: Die ZuhörerInnen sollen danach ihre eigene Meinung über Gentechnik auf eine festere Basis stellen können .

Nach einer Einführung in die Definition der Gentechnik, die eine dauerhafte Veränderung einer Pflanze beinhaltet, wurde aus einem Gesetzestext zitiert, wonach alles, was in der Natur nicht vorkommt, Gentechnik ist. Dabei bezeichnet man technisch eingebrachte Gene als sogenannte Transgene. Es gibt für die Gentechnik drei wesentliche Voraussetzungen: Vermehrung von DNA, Kleben von Abschnitten und die Einfügung von DNA-Abschnitten. Die Arbeitsweise in der Gentechnik ist dabei im Allgemeinen wie folgt: Gene isolieren, Integration in ein Genom und anschließende Analyse.

In einem nächsten Abschnitt referierte Frau Winkelmann dann über Methoden des Gen-Transfers. Dabei gibt es den direkten (z.B. mit einer Partikelkanone über kleine Teilchen aus Gold) als auch den indirekten Transfer (über Bakterien). Im Weiteren schilderte sie, wie man anschließend von der Basis eines Blattes zur ganzen Pflanze gelangen kann. Dabei werden nur die Sprosse, die das neue Gen tragen, selektiert. Dieses erfolgt über sogenannte Selektionsmarker.

Der Vortrag ging nun von der gentransformierten Pflanze zum Freilandversuch über. Dieses wird von der Risikoforschung begleitet. Ziele sind hier: Sicherheit, Wahlfreiheit (Kennzeichnung) und Koexistenz von Transgenen und genetisch nicht veränderten Pflanzen. Der Bereich der Anwendungen liegt vorwiegend im Nutzpflanzenbereich. Hier wurde auf sogenannte „Inputtraits“ (z.B. Krankheitsresistenz, Stressresistenz- Trockenstress), „Outputtraits“ (Qualitätsverbesserung, Lagerungsfähigkeit) als Züchtungshilfen (z.B. Blühverfrühung) eingegangen. Als Beispiele wurden Soja, Mais, Baumwolle und Raps erwähnt. Die Verfahren bieten große Chancen, sowohl einen Beitrag zur Ernährungssicherung der wachsenden Weltbevölkerung zu leisten als auch den Pestizideinsatz zu vermindern.

Vortrag von Prof. Dr. Jörg Kleiber: Gentechnik in der Medizin

Herr Kleiber richtete seinen Blick zunächst in die Historie und in die geschichtliche Entwicklung der Gentechnik. Diesen teilte er in die Abschnitte der frühen Entwicklungen der Genetik, in die Epoche nach 1970 und in das große Zeitalter der Gentechnik ein. In dieser Periode wurden grundlegende Schritte sowohl zur DNA-Klonierung als auch zur Humangenomsequenzierung gemacht.

Im Hauptteil seines Referates ging er auf Therapiefragen im Rahmen der Humanmedizin ein und stellte dieses anhand von Beispielen, wie die gentechnische Insulinproduktion dar. Die rekombinanten Verfahren mit Proteinen wurden gegenüber gestellt zu den üblichen chemisch-synthetischen Verfahren. So ist z.B. bei der Therapie von Diabetes-Erkrankungen zu wenig „natürliches“ Insulin vorhanden (bei ~240 Millionen Diabetikern weltweit). Gentechnische Verfahren werden zur Gewinnung von Insulin und auch zur Produktion anderer Pharmazeutika verwendet. Als weiteres Beispiel gab er die Herstellung von Herceptin (Trastuzumab) als Mittel gegen Brustkrebs an. Es wird nicht mit Bakterien erzeugt, sondern mit Säugetierzellen (Maus). Bei der Anwendung muss der Tumor vor der Behandlung analysiert werden, ob Rezeptoren an den Tumorzellen vorhanden sind, um die Antikörper erfolgreich wirken zu lassen. So unterstützt das Immunsystem die Zerstörung der Krebszelle und die Zelle wird empfindlicher für eine Behandlung mit Chemotherapeutika. Diese Diagnostik und Behandlung sind auf den einzelnen Patienten bezogen (personalisiert).

In seinem Vortrag ging Herr Kleiber auch auf die Stammzellentherapie ein. Bei dem Ansatz der „kausalen Therapie“ werden einzelne Gene substituiert. Dabei gesetzlich verboten ist nach wie vor die Manipulation von Keimzellen. Er stellte die invivo- und exvivo-Verfahren kurz vor und wies auf mögliche Gefahren und Probleme hin. Mit Hilfe dieses Verfahrens kann u.U. degeneriertes Gewebe (aus Stammzellen) ersetzt werden. Zum Anschluss gab er noch einen interessanten Ausblick in die Epigenetik.

Kurzreferat von Björn Grüning: Streptomyzeten

Streptomyzeten sind weit verbreitete Bodenbakterien mit einzelligen Strukturen. Sie haben einen robusten Sekundärstoffwechsel und stehen in symbiotischer Beziehung zu Bäumen, denen sie pathogene Pilze fernhalten. Aus diesen Bakterien werden mit Hilfe von Gentechnik Antibiotika und Bioalkohol hergestellt. Dieses könnte herkömmliche Verfahren zur Herstellung von Ethanol ersetzen – ebenso z.B. von Kerosin. Auch in der Abfallverwertung spielen diese Streptomyzeten eine große Rolle.

Kurzreferat von Dr. Dr. Jan Brettschneider: Biophilosophie der Gentechnik

Der Vortragende zeigte, wie in der Gentechnik mehrfach zwei bipolare Phänomene menschlichen Seins zum Tragen kommen. Als Beispiel sei nur die Dialektik zwischen Teilen und Ganzem genannt. Das Gen ist beides: Ganzes insofern, als Bestandteile (Stickstoffbasen, Pentosen, Phospat) immer im Komplex wirksam sind; Teil insofern, als ein DNA-Strang an bestimmter Stelle eingebettet ist.

 

Arbeitsgruppen

Die dann folgenden zwei Arbeitsgruppen ermöglichten es, mit den ReferentInnen weitere Fragen zu erörtern und die gesellschaftlichen, ökonomischen und ethischen Dimensionen der Gentechnik herauszuarbeiten. Möglicherweise beziehen sich die Hauptbedenken gegen die Gentechnik nicht auf die Technologie und die Produkte selbst, sondern auf deren Vermarktung durch Konzerne und die Verzweckung von Anbauflächen in Hungerländern in unvorstellbarer Größe durch diese Konzerne. Diese Böden fehlen dann der notleidenden Bevölkerung, die selbst über die Verwendung der Flächen bestimmen sollte und diese Flächen dann primär für den eigenen Bedarf und nicht für den Export zum Vorteil ausländischer Investoren nutzen würde.

Vortrag von Prof. Dr. Hans-Jörg Jacobsen: Nachhaltigkeit in der Pflanzenproduktion

Der Vortragende ging zu Beginn auf die Frage der Nachhaltigkeit ein, einen Begriff, der häufig missbraucht wird: Für Jacobsen ist die Balance aus Ökonomie, Ökologie und sozialer Akzeptanz eines Handelns entscheidend. Er stellte die Situationen in Europa und in den Entwicklungsländern gegenüber, z.B. sind bei uns die Preise niedrig, jedoch die Märkte abgeschlossen. In den Entwicklungsländern andererseits herrschen häufig Wasserknappheit, Überbevölkerung, werden Uraltpestizide nicht fachgerecht verwendet und veraltete Technologien eingesetzt.

So stehen wir vor enormen Herausforderungen: Um 2,3% wächst die Erdbevölkerung jährlich, ca. eine Milliarde Menschen hungern, eine weitere Milliarde ist mangelhaft ernährt (Proteinmangel) und jährlich verschwindet ca. 1% fruchtbarer Boden.

Sein erstes Fazit ist, dass der Planet Konstruktionsfehler hat: Das meiste Ackerland befindet sich v.a. in den Weltregionen, in denen die Bevölkerung nicht wächst. Daraus ergibt sich eine Intensivierung der Pflanzenproduktion. Außerdem wirkt sich die globale Erwärmung auf die Pflanzenproduktion aus. Jede landwirtschaftliche Aktivität beeinflusst das Ökosystem der Erde. Jacobsen hält es zudem für  fahrlässig das Wissen und die Technologien zum Anbau von besonders ertragreichen aber transgenen Pflanzen den Entwicklungsländern vorzuenthalten, z.B. durch (in der EU nicht erlaubte) Genpatente.

Sein weiteres Fazit: Nachhaltigen Anbau nicht auf den sog. ökologischen Landbau reduzieren, da dieser etwa Landbau 40% weniger Produktivität erbringt.

Vortrag von Prof. Hans-Jörg Jacobsen: Probleme der Pflanzenproduktion und gentechnische Lösungen

Der Vortragende sprach sich dafür aus, Gentechnik im Pflanzenbau nur einzusetzen, wenn Probleme konventionell nicht lösbar sind. Es geht dabei um Problemlösungen, nicht um Technologien. Diesen Grundsatz vertrat später genau so die Agrobiologin und Genskeptikerin Dr. Martha Mertens.

Gentechnik wird zur Unkrautbekämpfung verwendet, indem die Nutzpflanze durch transgene Veränderungen gegen bestimmte Herbizide resistent gemacht wird. So sind Pflanzen einiger transgener Sojasorten resistent gegen Totalherbizide vom Typ Round-up. Eine Gefahr besteht darin, dass auch die Unkräuter resistent gegen bestimmte Herbizide werden können. Die Wirkstoffe der angewandten Herbizide sollten daher variiert werden. Dieses ist aber kein gentechnisches Problem, sondern ein Managementproblem.

Angesichts des Klimawandels und dem damit verbundenen lokalen und periodischen Wassermangel wäre es ein notwendiges Ziel, auf gentechnischem Weg Pflanzensorten mit mehr Erntegut bei geringerem Wasserbedarf zu erzeugen. Zum Beispiel wurde in Ägypten eine Ackerbohnensorte mit hoher Trockentoleranz gentechnisch durch Einbau eines Trockenstress-Gens aus der Kartoffel gezüchtet.

Einen dritten Anwendungsbereich der Gentechnik stellt die Schädlingsbekämpfung dar, z.B. bei der Bekämpfung des Maiswurzelbohrers. Hier ist die Zuhilfenahme der Gentechnik besonders schwierig, da der Schädling sich zunächst im Boden aufhält (Larven) und die Ausbringung von Insektiziden auf Böden wenig nachhaltig ist.

Bei Äpfeln kann dem Apfelschorf, einer Pilzkrankheit auf gentechnischem Weg begegnet werden, so dass das intensive Spritzen mit Kupferpräparaten nicht mehr notwendig ist. Kupfer baut sich im Boden zudem sehr langsam ab. Mit dem Gen wird außerdem ein Stoff (Anthocyan) gebildet, der auch vor Arteriosklerose schützen kann.

In der Summe kann Gentechnik also die Umwelt entlasten, Kosten (an Pflanzenschutzmitteln, an Arbeitskräften, etc.)  sparen, den Ertrag steigern und die Qualität von Nahrungsmitteln erhöhen, eine bessere Anpassung an die Umwelt erwirken sowie Kleinbauern in Schwellen- und Drittländern zu höherem Einkommen verhelfen.

Ethisch gesehen, sollten wir nicht immer reflektieren, was passiert, wenn wir etwas tun, sondern besonders bedenken, was passiert, wenn wir etwas unterlassen. Landwirtschaft unter Verwendung gentechnisch positiv veränderter Pflanzen setzt auch Potenzial frei, Kinder zur Schule zu senden und Infrastruktur aufzubauen.

Hinsichtlich der Langzeitfolgen der Anwendung der Gentechnologie kann man wissenschaftlich freilich nichts ausschließen, sie sind jedoch eher sehr unwahrscheinlich. Ein Verbot des Einsatzes der Gentechnik dient einigen Politikern vornehmlich zur ihrer populistischen Profilierung.

Vortrag von Dr. Martha Mertens: Risiken der Agrogentechnik

Die Agrobiologin und Engagierte im BUND wies auf drei Problembereiche der Gentechnologie hin: (1) jene beim Gentransfer, (2) die ökologischen Risiken und (3) die sozio-ökonomischen Risiken (national und global).

Zu (1): Hier ist die Irreversibilität des Eingriffs in Erbmaterial zu erwähnen, ohne das Genom vollständig zu kennen. Auch können Freilandbedingungen in einer anderen Weltregion anders sein und wirken als am Ort der Entwicklung. Ebenfalls gibt es unerwartete Effekte. Zum Beispiel zeigt mehltauresistenter Weizen eine höhere Empfindlichkeit gegen Mutterkorn und bietet deutlich weniger Ertrag. Weiterhin sind die Gesundheitsrisiken für den Menschen zu nennen: neue Allergien, Antibiotikaresistenzen. Der gentechnisch bedingte erhöhte Einsatz von „Round-up“-Produkten könnte menschliche Zellen schädigen (Rückstandsprobleme). Toxische Effekte auf Tier und Mensch, besonders im embryonalen Zustand, sind zu befürchten. Die Studien zur Lebensmittelsicherheit sind oft nicht von unabhängigen Stellen, sondern z.B. von Firmen in Auftrag gegeben worden.

Zu (2): Die genannte Irreversibilität steht in Spannung zum Vorsorgeprinzip für künftige Generationen. Beim gemischten Anbau ist die Übertragung von Transgenen auf andere Organismen möglich. Da die Herbizid- und Insektenresistenz im gentechnischen Bereich sehr hoch ist, steigert dies u.U. den Herbizidverbrauch. Dies hat negative Wirkungen auf die Artenvielfalt bei Pflanzen und Tier. Dies wiederum wirkt sich negativ auf Nahrungsketten, Bienenhaltung, etc. aus. Round-up beeinträchtigt auch die Bodenflora und damit die Bodenfruchtbarkeit. Sekundärschädlinge treten auf, denn durch die jetzt sehr gezielten Pestizideinsätze bleiben weitere Schädlinge unbehelligt.

Zu (3): Gentechnologische Landwirtschaft wird oft im großen Stil betrieben und bedeutet zunehmende Abholzung von (Regen)-Wäldern und Enteignung sowie Vertreibung von Kleinbauern. Über Monokulturen, die durch transgene resistente Pflanzen in noch größerem Maße möglich sind, werden oft ganze Nationen am Tropf von korrupten Regierungen und Konzernen gehalten. Patente auf gentechnisch verändertes Saatgut, etc. behindern frei zugängliches Wissen, dessen Verfügbarkeit und frei zugängliches Saatgut.

Insgesamt plädiert die Vortragende für mehr biologischen Landbau, der in heute verarmten Ländern sowieso mehr Potenzial hat als bei uns.

Kurzreferat von Peter Reuther: Das Problem der Genetik in der literarischen Überhöhung

Vorgetragen wird von einer Gesellschaft mit menschlichen Klonen, in der die Mitglieder darauf hin betrachtet werden, ob sie „sich rechnen“. „Dabei steht der Mensch mit seinem Streben, den wirtschaftlichen Erfolg über die Ethik zu stellen, als Ausgangspunkt.“ Reuther weist insbesondere auf die denkbaren Schäden hin, die entstehen, wenn die gesellschaftlichen Zustände mehr zulassen als sozial verträglich. Er zitierte dazu einigen Passagen aus seiner Publikation „Das Experiment“.

Kurzreferat von Prof. Dr. Rolf Röber: Monsanto und andere…? oder Mastvieh in Deutschland

Die Sojaproduktion auch für die Aufzucht von Mastvieh bei uns geschieht vornehmlich großflächig in Ländern, die über die hinreichenden Agrarflächen verfügen. Interessanterweise gehören diese großen Flächen i.d.R. nicht ortsansässigen Bauern sondern Agrarkonzernen mit Geschäftssitz auch in Europa. Hinzu kommt, dass Ausgang der Sojaproduktion heutzutage >80% mit Unkrautresistenzgenen bearbeitetes Saatgut ist, um der Unkrautplage auf den Feldern in den zuvor genannten Ländern Herr zu werden.

Das gewonnene Sojamehl wird einerseits direkt für Nahrungsmittel verwendet, sei es als Geschmacksverstärker oder als Bioboulette (Tofu aus Sojamilch), in der Hauptsache jedoch als Futtermittel für die Tiermast zur Fleischproduktion, so auch bei uns. Der Fleischverzehr in 2009 betrug  ~88,2 kg/Person+Jahr, d.i. ~1,7 kg/Person+Woche. Mäßiger Fleischverzehr von etwa 200 g/Person+Woche, wie in maßvolleren Zeiten in Form des Sonntagsbratens üblich, sollte doch wohl ausreichen, oder?

Arbeitsgruppen

In den anschließenden zwei Arbeitsgruppen wurden die bisherigen Erkenntnisse vertieft diskutiert. Die Tagungsteilnehmer haben sehr offen und kritisch eine gentechnisch veränderte Pflanzenproduktion der Zukunft angesprochen. Verständnisfragen wurden von den jeweils anwesenden ReferentInnen bereitwillig beantwortet und die Antworten interpretiert.

Vortrag von Frau Prof. Dr. Evelyn Klocke: Gentechnik und Lebensmittel

1994 war eine Tomatensorte das erste gentechnisch veränderte Gemüse. Es gelang, die Reife zu verzögern, so dass die Tomaten auf dem Transport nicht weiter nachreiften und nicht matschig wurden. 1998 kamen dann amerikanische Süßigkeiten mit transgenem Mais auf den Markt. Heute gibt es in Deutschland direkte transgene Produkte, wie Obst, Gemüse, Fleisch oder Fisch nicht, aber verarbeitet in Lebensmitteln schon. Dann besteht allerdings Kennzeichnungspflicht ab >0,9% gentechnisch veränderte Bestandteile.

Die unerwünschte Antibiotikaresistenz bei Bakterien ist für den Menschen wohl kaum mit großen Gefahren verbunden. Der Anstieg von Resistenzen nach Einbau von Antibiotika-Genen in Pflanzen ist nämlich bislang nicht nachgewiesen worden.

Lebensmittelallergien stellen objektiv kein gentechnisch spezifisches Risiko dar. Man kann sogar durch Gentechnologie allergen wirkende Lebensmittel entschärfen, z.B. beim glutenfreien Weizen geschehen. Pflanzliche Nahrungsmittel können durch Gentechnologie generell verbessert werden, wie z.B. „Golden Rice“, der mit Vitamin A angereichert ist.

Seit 2004 ist die Zulassung von transgenen Lebensmitteln auf EU-Ebene angesiedelt. Zugelassen werden die Pflanzen (z.B. transgener Mais), nicht z.B. die Schokolade aus dieser Pflanze. Bisher sind als Lebensmittel nur transgener Mais zum Verzehr zugelassen, für den Anbau Mais und Kartoffeln und als Futtermittel (Einfuhr) am meisten v.a. Soja.

Gekennzeichnet werden muss, was direkt aus transgenen Pflanzen, nicht was mit Hilfe transgener Pflanzen hergestellt wird, z.B. Fleisch von Tieren, die mit transgenen Pflanzen gefüttert wurden. 75% des Käses in Deutschland ist mit transgen hergestelltem Labenzym produziert worden, das sonst aus den Mägen von sehr jungen Kälbern gewonnen werden müsste.

Die Bezeichnung „ohne Gentechnik“ ist nicht geschützt und sagt nichts aus. Nur umgekehrt: „Hergestellt mit gentechnisch veränderten Pflanzen ...“ hat verbindlichen Aussagewert.

Gentechnik in Humanmedizin (Arzneien) ist viel mehr akzeptiert und verbreitet als bei Lebensmitteln. Zum Schluss nannte die Vortragende noch zwei wichtige Internetadressen für besonders Interessierte: www.transgen.de und www.biosicherheit.de.

 

Musischer Abend

Abschließend sei noch der Musische Abend am Samstag, 04.06.2011, hervorgehoben, den Dietwart Inderfurth (Violoncello), Wiltrud Inderfurth (Violine, Altblockflöte) und Sohn Till Menke (Moderation) sowie Gregor Verlande (Pianoforte) der Tagungsgesellschaft boten. Vorgetragen wurden Stücke von Vivaldi, Schubert und Beethoven, aber auch solche von eher selten gehörten Komponisten wie Hermann Berens (1826-1880), Wolfgang Camphausen, Hugo Salus (1866-1929) und Erkki Melartin (1875-1937). Mit gekonnter Moderation verstand es Till Menke etwaige Bildungslücken der Zuhörerschaft auf humorvolle Art zu schließen.

 

Akademieforum

Zum Abschluss der Tagung zur Gentechnik wurde traditionell das Akademieforum durchgeführt, das der Präsident Dr. Volker Muellermoderierte. Dabei wurden vor allem Grenzen der Gentechnik diskutiert – wie Humangenom, Ethik, Menschenwürde und Humanismus, ein technischer und militärischer Missbrauch, die Auskreuzung des Transgens, Tierexperimente, die demokratische Legitimation von Kritikern und von der Wirtschaft sowie die Verantwortung der Wissenschaftler und die Kontrolle der Gentechnik. Aber auch die Chancen und Vorteile einer kontrollierten Anwendung gentechnischer Verfahren und ihre gesellschaftspolitische Bedeutung wurden am Ende nochmals zusammengefasst.

Bewertung

Die Tagung wurde von den TeilnehmerInnen als sehr erfolgreich und bereichernd eingeschätzt.

Dieter Fauth/Winfried Halle

 

 

 

 

Band 31

Gentechnik - Möglichkeiten und Grenzen  

Die Möglichkeiten und Grenzen der Gentechnik werden nicht allein in der Wissenschaft, sondern gerade auch in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert. Erzeugen Wissenschaftler Zellen mit synthetischem Erbgut, vollziehen sie quasi einen Schöpfungsakt? Kann die Biologie nun klären, was die Natur des Lebens ist? Welche Fragen stellen sich im Zusammenhang mit der Verwendung synthetischen Erbgutes noch? Was bedeutet die Gentechnik für den Menschen und das Menschenbild selbst? 
Was ist also Gentechnik, wie ist sie zu verstehen und zu bewerten? Was kann sie? Was sollte sie möglicherweise nicht tun? In diesem Kontext wird auch der Einfluss von Ideologien, Religionen, Weltanschauungen oder Moral deutlich. Offenbar hat die Gentechnik großartige Möglichkeiten. Ihre Grenzen liegen vermutlich nicht so sehr im technischen Bereich.

Der von Rolf Röber herausgegebene Band 31 der Schriftenreihe der FREIEN AKADEMIE dokumentiert die Vorträge bzw. Ergebnisse der wissenschaftlichen Tagung, die im Mai 2011, in der Frankenakademie Schloss Schney stattfand.

153 Seiten | 2012 | 978-3-923834-29-7 | 15,00 €

Inhalt:

Volker Mueller: Vorwort

Rolf Röber: Von Jean-Baptiste de Lamarck und Charles Darwin über Gregor Mendel bis James Watson und Francis Crick, und weiter?

Traud Winkelmann: Gentechnik bei Pflanzen – Methoden, Anwendungen und Chancen

Jörg Kleiber: Gentechnik in der Medizin

Hans-Jörg Jacobsen: Probleme der Pflanzenproduktion und gentechnische Lösungen: Beiträge zur Nachhaltigkeit

Hans-Jörg Jacobsen: Gentechnik in der Landwirtschaft: Ein Beitrag zur Nachhaltigkeit!

Martha Mertens: Risiken der Agrogentechnik

Evelyn Klocke: Gentechnik und Lebensmittel. Ein Diskurs über unsere tägliche Portion Gene

Jan Bretschneider: Eine kleine Philosophie des Gens

Peter Reuther: Das Problem der Genetik aus der Sicht der Literatur