Die Freie Akademie hat ihre wissenschaftliche Tagung vom 29. bis 31. Mai 2026 in der Frankenakademie Schloss Schney zum Thema „Menschsein zwischen biologischer und soziokultureller Evolution“ erfolgreich durchgeführt. Der Präsident der Freien Akademie, Herr Dr. Volker Mueller, hat die Tagung eröffnet. Herr Dr. Manfred Wimmer, Wien, hat sie dankenswerterweise wissenschaftlich geleitet.
Dr. Manfred Wimmer leitete die Tagung mit seinem Vortrag zu Biologischen und soziokulturellen Faktoren der ontogenetischen Emotionsentwicklung ein. Ausgehend von einem Überblick über unterschiedliche Formen evolutionärer Zugänge erfolgt die Schwerpunktsetzung auf einem systemtheoretischen Evolutionsbegriff, der vor allem auf den Ansätzen von L. v. Bertalanffy, R. Riedl und E. Oeser aufbaut. Hervorragende Merkmale dieser Form des Evolutionsdenkens ist die Unterscheidung verschiedener Ebenen evolutionären Geschehens (chemisch – physikalisch, biologisch, soziokulturell) die durch jeweils spezifische Mechanismen charakterisiert sind. Den einzelnen Ebenen evolutionären Geschehens werden dabei jeweils ebenentypische (emergente) Eigenschaften zuerkannt, die nicht vollständig auf die zugrundeliegenden Ebenen zurückgeführt werden können.
Konkretisiert werden diese Überlegungen anhand der ontogenetischen Emotionsentwicklung, in der das Zusammenwirken der evolutionär entstandenen und genetisch bedingten Emotionen (Primäremotionen) mit den jeweils gegebenen soziokulturellen Einflüssen (Sprache, Symbole etc.) ersichtlich wird. Die reiche kulturspezifische Vielfalt menschlicher Emotionswelten zeigt dabei, welche Transformationsmöglichkeiten unserem biologisch angelegten Emotionsinventar innewohnen. Die biologisch – leiblichen Rahmenbedingungen (der „felt sense“) stellen jedoch dabei immer limitierenden Faktoren dar, die auch durch die kühnsten Spekulationen eines „Transhumanismus“, wie sie im Bereich der IT- und Tech-Szene (u.a. E. Musk, R. Kurzweil) zu finden sind, nicht überschritten werden können.
Prof. Dr. Volker Sommer sprach am Samstagvormittag zum Thema: Der kultivierte Schimpanse. Zur Evolution des WIR-Gefühls. Wir unterscheiden gerne „Tiere“ von „Menschen“ – wobei erstere als von starren Instinkten gesteuert gelten und letztere als flexibel, mithin „kulturfähig“. Tatsächlich befolgen Menschengruppen regional ausdifferenzierte Lebensstile, hinsichtlich Technologie, Umgangsformen und Werten. Doch hat die moderne Verhaltensforschung derlei innerartliche Varianz auch bei nicht-menschlichen Tieren entdeckt, etwa unseren nächsten Verwandten, den Primaten. Speziell Bevölkerungen von Schimpansen unterscheiden sich hinsichtlich Nahrungserwerb und Werkzeugbenutzung, aber auch bezüglich eines sozial akzeptablen Verhaltens. Dies kreiert eine quasi-religiöse Binnenmoral und Gruppenidentität. Kultur vermittelt mithin Zugehörigkeit, grenzt aber gleichzeitig aus. Bei Schimpansen schürt derlei Konstruktion von „Wir“ und „Andere“ extrem gewaltsame Auseinandersetzungen. Auch Konflikte zwischen Menschengruppen lassen sich durch einen evolutionsbiologischen Blickwinkel besser verstehen – inklusive der Chancen und Herausforderungen von Multikulti.
Prof. Dr. Christoph Antweiler referierte zum Thema: Koevolution und Anthropozän. Für eine Anthropologie des ganzen Menschen. Seine wertvollen Ausführungen haben unsere Diskussionen weiter angeregt.
Dr. Thomas Scheffer analysierte zu Beginn der Workshops am Nachmittag in seinem zusätzlichen Vortrag Unsere zweite Natur – Zur Methodik der evolutionären Kulturtheorie die Perspektive evolutionstheoretischer Analysen kulturhistorischer Entwicklungen. Seit Richard Dawkins´ Begriffsschöpfung des Mems 1976 würden immer mehr kulturelle Leistungen des Menschen im Sinne evolutionärer Vorteile gedeutet. Hierbei werde oft vernachlässigt, dass in der Kulturgeschichte nicht in erster Linie die Menschen selbst der Selektion unterliegen, sondern ihre Gesellschaftsformen, Werkzeuge, Techniken und Theorien. Die Gleichbehandlung der kulturellen Phänomene mit ihren Schöpfern könnte seinen Grund in der Überzeugung haben, dass letztlich auch die Kultur nur Natur sei, dass sich nämlich gedankliche Leistungen, wissenschaftliches Arbeiten und kulturelle Traditionen kommunikationstechnisch und neurophysiologisch beschreiben ließen. Physik und Biologie seien aber keineswegs in der Lage, Sinngehalte von Theorien oder Institutionen zu beschreiben; und in der Psychologie, in der das möglich sei, würden Gedanken oder Intentionen meist aus der – nachvollzogenen – Perspektive ihres Trägers oder des Akteurs dargestellt. Das Konzept genanaloger Meme sei durchaus geeignet, kulturelle Entwicklungen zu beschreiben, dürfe aber nicht naturalistisch missverstanden werden, sondern schließe an die Dritte Welt der wissenschaftstheoretischen Ontologie Karl Poppers an, deren abstrakte Inhalte symbolisch oder anhand von Artefakten oder Einrichtungen tradiert werden, die in ihren Funktionen Normen implizieren. Um kulturelle Meme zu identifizieren, müssten folglich Hypothesen der Sinnhaftigkeit an das menschliche Verhalten herangetragen werden. Die Evolutionspsychologie müsse sich also geisteswissenschaftlicher hermeneutischer Verfahren bedienen und in hohem Maße mit der Möglichkeit alternativer Erklärungen rechnen.
In offenen Arbeitskreisen am Samstagnachmittag haben die Teilnehmenden historische und aktuelle philosophische, kulturwissenschaftliche, anthropologische und ethische Gesichtspunkte der Tagungsthematik diskutiert.
Prof. Dr. Thomas Junker referierte zum Thema: Kunst – Ein Geniestreich der Evolution? Warum sind künstlerische Talente und Interessen in der Evolution entstanden? Haben sie einen direkten Nutzen für das Überleben, oder ist es ein entbehrlicher Nebeneffekt? Sind es kulturelle Erfindungen oder lediglich Technologien zur Lustgewinnung? Was bedeutet dies für eine Kunst der Zukunft? Schon Kinder singen und tanzen, sie malen Bilder, sie erzählen Geschichten, mit Ernsthaftigkeit und mit Freude – und sie tun dies freiwillig. Als Erwachsene führen wir diese Spiele fort. Wenn sie einem Publikum gefallen und sie vor der Kritik bestand haben, dann nennen wir es Kunst. All dies ist so vertraut, dass wir leicht übersehen, wie ungewöhnlich dieses Verhalten ist, gerade auch aus biologischer Sicht. Evolution ist Wandel: Verhaltensweisen entstehen, sie verändern sich und können verschwinden. Der Vortrag zeigte, wie Evolutionsbiologen sich dem Rätsel der Kunst nähern und wie ein evolutionäres Modell aussehen kann.
Evolution von Dichtung und bildender Kunst war das Thema des Vortrags vonProf. Dr. Benjamin Lange, mit dem der Sonntagvormittag begann. Dichtung und Bildende Kunst stellen wesentliche Bereiche menschlichen Kulturschaffens dar. Evolutionäre Verhaltenswissenschaftler aus Psychologie, Anthropologie, Biologie und dergleichen versuchen bereits seit Längerem, Erklärungen für die Existenz von Kunst zu finden. Aus einer evolutionären Perspektive muss Kunst einer Funktion dienen, die das Überleben (natürliche Selektion nach Darwin) und / oder die Reproduktion (sexuelle Selektion nach Darwin) befördern. Verschiedene diesbezügliche Erklärungen wurden im Vortrag behandelt. Ein Ansatz sieht die frühe Interaktion zwischen Mutter und Kind als Wiege der Kunst. Auch die sozial-regulative Funktion Kunst wird genannt; Kunst schafft u. a. Zusammenhalt und kann das Miteinander beeinflussen. Eine andere Richtung schlagen Forschungsarbeiten ein, die ausgehend von geschlechtsdifferenten Reproduktionsbedingungen vorhersagen, dass Kunst vor allem von jungen Männern produziert wird, die dadurch ihre Reproduktionschancen erhöhen. Frauen wären demnach eher in der Rolle der Rezipientinnen. Derlei Annahmen werden durch die empirische Evidenz gestützt.
Homo musicus. Zur Evolution musikalischen Verhaltens lautete der Vortrag vonDr. Christian Lehmann. Er bereicherte die Tagung mit künstlerischen Ausführungen und Beispielen.
In der Tagungsauswertung im Akademie-Forum haben die Teilnehmenden dankbar festgestellt, dass die Tagung sehr anregend und hochwertig war. Die verschiedenen Diskussionen und Gespräche am Tage und Abend haben die Thematik mit den hervorragenden Referenten vertieft und eine angenehme Atmosphäre verstärkt.
Die Ergebnisse und Vorträge werden im Band 45 der Schriftenreihe der FA publiziert.
Die gehaltenen Vorträge finden sich auch bei YouTube. Bitte schauen Sie sie sich an.